Spannung im Südchinesischen Meer
Vietnam ist Diplomatie nicht genug
von Manfred Rist, Singapur12.8.2016, 08:00 Uhr
Mit der Verlegung von Militärmaterial auf die Spratly-Inseln hat Vietnam auf chinesische Befestigungen im Seegebiet reagiert. Hanoi unterstreicht so seine Abwehrbereitschaft. Peking reagiert harsch.
Vietnam verstärkt sein militärisches Dispositiv auf den 
Inseln im Südchinesischen Meer. (Bild: Handout / Reuters)

Vietnam verstärkt sein militärisches Dispositiv auf den Inseln im Südchinesischen Meer. (Bild: Handout / Reuters)

Vietnam hat offenbar damit begonnen, Militärmaterial auf Inseln im Südchinesischen Meer zu verlegen. Gemäss Informationen, die der Nachrichtenagentur Reuters durch Militär- und Diplomatenkreise zugetragen worden sind, hat Hanoi mobile Abschussrampen auf Teile der Spratly-Inseln verlegt. Die Inselgruppe wird sowohl von China als auch von Vietnam beansprucht. Das Aussenministerium in Hanoi hat die Agenturmeldung als «ungenau» bezeichnet, aber nicht dementiert.

Gemäss den Informationen hat die vietnamesische Armee Stellungen auf fünf Inseln ausgebaut. Es soll sich dabei um das mobile Artilleriesystem «Extra» handeln, dass Vietnam erst kürzlich von Israel erworben hat. Militärexperten gehen davon aus, dass das hochpräzise Gerät mit Blick auf die zunehmenden Spannungen im Südchinesischen Meer beschafft worden ist. Es verfügt über eine Reichweite von 150 Kilometern und wäre damit in der Lage, die hoheitlich umstrittenen Spratly-Inseln, insbesondere die neuen chinesischen Basen, sowie zentrale Seewege abzudecken.

Erneuerte Flotte

Noch im Juni hatte Vietnams stellvertretender Verteidigungsminister Nguyen Chi Vinh erklärt, dass das Land kein solches Kriegsgerät auf den Spratly-Inseln einsatzbereit halte; man sei zu entsprechenden Schritten aber bereit. Vietnam habe das Recht, zur Selbstverteidigung Waffen auf dem gesamten Territorium zu verschieben. Gemäss den von Reuters zitierten Quellen wäre das Land in der Lage, auf den «Extra»-Basen innerhalb von zwei bis drei Tagen Einsatzbereitschaft zu erstellen. Mit der Verlegung von Kriegsmaterial auf Inseln in der vietnamesischen «Ostsee» reagiert Hanoi auf die fortschreitende Befestigung und Militarisierung von Inseln und Atollen durch China.

Es handelt sich um eine neue Massnahme, deren Folgen noch nicht absehbar sind. Als einziger der vier Asean-Staaten, welche die Spratly-Inseln ganz oder teilweise beanspruchen, setzt Vietnam parallel zur Diplomatie auf eine militärische Abschreckung. In diesem Zusammenhang hat das Land in den vergangenen vier Jahren auchseine Flotte an Unterseebooten mit russischem Material modernisiert.Ferner erwägt Vietnam die Beschaffung von neuen Kampfflugzeugen.

Reaktion auf Schiedsspruch

Die Reaktion aus Peking kam umgehend. In einer Stellungnahme des Aussenministeriums heisst es sinngemäss, dass China Souveränität über die Spratly-Inseln und die angrenzende See habe. China stelle sich resolut gegen jenes Land, das Inseln und Riffe, die zu China gehörten, illegal besetzt halte, illegale Bauten vornehme und militärisches Material dorthin verlege. Damit ist unmissverständlich der südliche Nachbar gemeint, gegen den China zuletzt 1975, 1979 und 1988 militärisch vorgegangen ist. 1988 kamen bei einem Seegefecht unweit der Spratly-Inseln siebzig vietnamesische Soldaten ums Leben. Die Verstärkung des vietnamesischen Dispositivs kommt zu einem bemerkenswerten Zeitpunkt. Vietnam hat sich im Rahmen der Assoziation südostasiatischer Staaten bei einem Aussenministertreffen kürzlich nämlich für die Erhaltung von «Frieden, Stabilität und Kooperation» im Südchinesischen Meer ausgesprochen. Vor einem Monat hatte das Schiedsgericht in Den Haag unter anderem entschieden, dass Chinas Ansprüche auf exklusive Ausbeutung von Rohstoffen entlang der «Neun-Striche-Linie» keine historische Grundlage hätten und Peking mit der Befestigung von Atollen und Inseln gegen geltendes Recht sowie Umweltvorschriften verstosse. Vietnam hat das Urteil vom 12. Juli, das den Philippinen als Kläger über weite Strecken recht gibt und die chinesischen Bauten und Aufschüttungen für illegal erklärt, begrüsst. Auch der militärische Schachzug Hanois zeigt, dass die ideologische Verwandtschaft bei Territorialfragen wenig zählt und sich die nachbarschaftliche Liebe auf vietnamesischer Seite in engen Grenzen hält.

http://www.reuters.com/article/us-southchinasea-vietnam-exclusive-idUSKCN10K2NE

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