Bolivien

Mit Geigen gegen die Diskriminierung

von Richard Bauer, Urubichá11.8.2016, 10:00 Uhr
Unter seinem ersten indigenen Präsidenten will Bolivien der Urbevölkerung zu ihrem Recht verhelfen. Die Musiktradition aus der Zeit der Jesuitenmissionen befördert die Emanzipation der Indigenen.
Renaissance und Barock in Urubichá: Juan Carlos Aguape probt für das Festival. (Bild: David Mercado / Reuters)

Renaissance und Barock in Urubichá: Juan Carlos Aguape probt für das Festival. (Bild: David Mercado / Reuters)

Alle zwei Jahre verwandelt sich das Tiefland von Bolivien in einen einzigen Konzertsaal. Dann geben zehn Tage lang in den ärmlichen Dörfern der Chiquitanía und in Guarayos Geigen, Trommeln und Flöten den Ton an. Wer als Fremder anreist, staunt nicht schlecht. Weder Volksmusik noch moderne Latino-Rhythmen sind zu hören; zur Aufführung gelangt vornehmlich traditionelle klassische Musik, die vor der Vertreibung der Jesuiten aus Amerika 1767 entstanden ist.

Erbe der Jesuiten

Hauptakteure sind gegen 1000 junge Instrumentalisten und Choristen aus den früheren Missionsdörfern der Jesuiten. Ein Festival bringt sie mit über 50 Ensembles aus zwei Dutzend Ländern, darunter auch die Schweiz, zusammen. Gespielt werden Kompositionen aus der Zeit des Barocks und der Renaissance, vielfach Werke, die von Jesuitenpatern oder von einheimischen Kapellmeistern stammen. Der musikalische Leiter der Veranstaltung, der polnische Verbo-Divino-Pater Piotr Nawrot, wagt den kühnen Vergleich: Wenn es um das Musikleben gehe, dann seien zur Zeit des Barocks die Jesuitenmissionen für den amerikanischen Kontinent gewesen, was Italien für ganz Europa gewesen sei.

Lange verschollen, sind die Partituren bei der Restaurierung der Kirchen in der Chiquitanía wiederaufgetaucht. Indigene Chöre und Orchester aus den Reihen der Chiquitanos, Guarayos und Moxos sind so zu Verwaltern eines einzigartigen musikalischen Erbes geworden, das lange Zeit als verschollen galt. Jesuitenpater wie der aus Zug stammende Martin Schmid komponierten im Urwald Kirchenmusik, bauten Geigen und Orgeln und leiteten die zum Katholizismus bekehrten Indigenen an, in Chören und Orchestern zu singen und zu musizieren.

«Diese Indianerknaben sind ausgemachte Musikanten; sie statten alle Tage in den heiligen Messen mit ihrem Singen und Musizieren dem Herrgott das schuldige Dankeslob ab», schrieb Schmid 1744 in einem Brief in die Heimat. Für die meist bitterarmen Nachfahren der Ureinwohner hat ein Instrument erlernen und in einem Orchester musizieren einen anderen Stellenwert gewonnen. Den Anstoss zur neuerlichen Pflege der barocken Musiktradition gab die Restauration von sechs Jesuitenkirchen in Chiquitos, im Hinterland der boomenden Tropenstadt Santa Cruz. «Seit unsere Kinder wieder Geige spielen, haben wir zu uns zurückgefunden», sagt der 35-jährige Juan Carlos Aguape, der Cellist ist und als Dirigent auftritt. Der dunkelhäutige Mann mit schwarzen Haaren aus der Ethnie der Guarayos leitet die mit 700 Schülern wichtigste Ausbildungsstätte für Musiker und Kunsthandwerker der Region. Schon zweimal hat er seine Truppe, das Orchester und den Chor von Urubichá, nach Europa begleitet.

Entkolonisierung

Selber gehört er zur ersten Generation von Musikern, die von der Wiederentdeckung der jesuitischen Musiktradition Ende des 20. Jahrhunderts profitierte. Musik sei nicht Selbstzweck. Im Vordergrund stünden die Persönlichkeitsentwicklung und die gesellschaftliche Emanzipation. «Wir müssen uns entkolonialisieren, um in Würde leben zu können», sagt Aguape. Er wiederholt damit, was auch der dreimal wiedergewählte bolivianische Präsident Evo Morales – er selber ein Angehöriger des Aymara-Volkes – seinen Bürgern noch und noch vorbetet.

Sein Volk sei wie alle anderen Urvölker Boliviens während der Kolonialzeit und der Epoche der Republik jahrhundertelang diskriminiert worden, sagt Aguape. Das sei auch am Gebrauch der einheimischen Sprachen abzulesen. Nicht nur in der Familie und im Dorf spricht er die Sprache seiner Vorfahren. Auch in aller Öffentlichkeit wechselt er ganz natürlich vom Spanischen, der Landessprache, in die indigene Sprache, das Guarayo. Das wäre in der Generation seiner Eltern undenkbar gewesen. «Waren Weisse oder Mestizen zugegen, schämten sie sich ihrer Muttersprache», sagt Aguape.

Entwicklungsmotor Musik

Für Schulleiter Aguape steht fest: «Erst die Musik hat uns auf die Landkarte der Regionalregierung gesetzt.» Wenn er heute in die Departementshauptstadt fahre, begegneten ihm die Behörden mit anderen Augen. Man behandle ihn und seine Dorfgenossen mit Respekt. Nach langen Kämpfen habe Urubichá endlich Elektrizität, Wasser und eine solide Brücke am Dorfeingang. Auch die Überlandstrasse sei asphaltiert worden.

Luz María Calvo, eine bolivianische Anthropologin und frühere Vizeministerin für ethnische Angelegenheiten unter der neoliberalen Regierung von Gonzalo Sánchez de Lozada, lobt die musikalische Renaissance in den höchsten Tönen. Als sie in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts das erste Musikfestival der Moxos in Trinidad organisiert habe, hätten alte Musiker aus den Dörfern wohl noch jesuitische Melodien im Ohr gehabt und originale gedrechselte Notenständer benützt. «Doch die Partituren legten sie verkehrt herum vor sich hin, und die Musik war eine einzige Kakofonie», erinnert sich Calvo.

Wie Pilze seien inzwischen in vielen Dörfern des bolivianischen Tieflandes, bei den Völkern der Chiquitos, der Moxos oder der Guarayos, Jugendorchester und Kinderchöre entstanden. Über Nacht sei Musik – notabene ohne Einwirken von Regional- und Zentralregierung – zu einer immateriellen Entwicklungsachse geworden. Über die wiedergefundene, wenn auch zeitlich entrückte jesuitische Musiktradition fänden die Gemeinschaften zu einer gefestigten Identität. Auch Selbstwertgefühl und Solidarität würden gestärkt. «Die musizierenden Schüler und ihre Familien entwickeln einen verloren gegangenen Stolz auf ihre Herkunft, und ihre Zusammengehörigkeit wird gefestigt», sagt Calvo. Es sei bezeichnend, dass eine massive Protestbewegung indigener Gruppen des Tieflandes ausgerechnet von Teilnehmern des ersten Musikfestivals des Volks der Moxos in Trinidad ausgegangen sei.

Interessenkonflikte

Stein des Anstosses war der Plan der Zentralregierung, eine Schnellstrasse durch das indigene Territorium und den Nationalpark Isiboro Sécure (TIPNIS) zu führen. Das Vorhaben wurde gestoppt. Es sollte in erster Linie die mächtige Klientele der Kokabauern befriedigen, die zu den Stützen des Regimes von Präsident Morales zählen. Die Cocaleros sind aus dem Hochland abgewanderte Bauern. Sie befinden sich in Konkurrenz zu den Ureinwohnern im Tiefland, weil sie immer neue fruchtbare Böden für ihre Pflanzungen beanspruchen und einen rascheren Abtransport der Produkte – darunter wohl auch Kokapaste und Kokain – verlangen.

2011 haben der monatelange Protestmarsch aus dem Tiefland nach La Paz und der Versuch der Regierung, diesen mit Polizeigewalt aufzulösen, die indigene Bewegung gespalten. Im Gebiet der alten Jesuitenmissionen ist Evo Morales in Ungnade gefallen. Für viele ist er ein Verräter an der indigenen Sache. Das zeigte sich ganz klar beim im vergangenen Februar durchgeführten Referendum über eine weitere, in der Verfassung nicht vorgesehene Amtszeit von Präsident Morales. Massiv verwarfen die Indigenen des Tieflandes das Ansinnen.

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Schweizer Jesuiten im bolivianischen Urwald

Das heilige Experiment

von Richard Bauer, Concepción11.8.2016, 10:00 Uhr
Zwei Schweizer Jesuiten, Martin Schmid und Hans Roth, sind in der Chiquitanía Berühmtheiten. Der eine hat im 18. Jahrhundert Kirchen erbaut, der andere hat sie 200 Jahre später restauriert.
Die Jesuiten haben Kolonialherren an der Versklavung der Indigenen gehindert. (Bild: David Mercado / Reuters)

Die Jesuiten haben Kolonialherren an der Versklavung der Indigenen gehindert. (Bild: David Mercado / Reuters)

Ging es um den Bau von Kirchen in den spanischen und portugiesischen Kolonien, dann liess sich die Gesellschaft Jesu nicht lumpen. Nicht nur in Paraguay, dem Stammland der Jesuiten-Reduktionen in Lateinamerika, wurden zuhauf eindrucksvolle Gotteshäuser errichtet.

Immer grösser, immer schöner

Zwischen 1691 und 1767 entstanden auch in zehn Reduktionen im heutigen Bolivien Kapellen und Kirchen unterschiedlicher Grösse. Sechs von ihnen wurden 1990 von der Unesco in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Allein die heutige Kathedrale von Concepción bot 3000 Gläubigen Platz. Allerdings mussten die missionierten Indigenen dem Gottesdienst stehend folgen. Sitzbänke gab es nur für den Ältestenrat, den Cabildo. Eines verbindet die Architektur der Kirchen der Jesuiten im bolivianischen Tiefland: Sie sind der traditionellen Bauweise der Häuser der Ureinwohner nachempfunden und sind die perfekte Antwort auf das subtropische Klima mit starken Niederschlägen und hohen Temperaturen. Gewaltige, bis zu 12 Meter hohe hölzerne Säulen stützen Schiff und ziegelgedecktes Satteldach. Ein monumentaler Innenraum bringt Kühlung, ein geschütztes Atrium schützt vor Regengüssen.

Stilprägend wirkte der Zuger Jesuitenpater Martin Schmid (1694–1772), der knapp vierzig Jahre seines Lebens als Missionar, Komponist, Instrumentenbauer, Architekt und Baumeister in der Chiquitanía verbrachte. Von ihm lernten die talentierten Indigenen nicht nur das Musizieren, sondern auch verschiedene Handwerksberufe, die zum Bau von Musikinstrumenten oder für den Kirchenbau und die reiche Dekoration des Sakralraumes nötig waren. Nach dem gleichen architektonischen Grundmuster entwarf und erbaute Pater Schmid die Kirchen von San Rafael, San Javier und Concepción – der einzige Unterschied: Jede ist grösser als ihre Vorgängerin. Einen Namen machte er sich auch als Gestalter von gewaltigen, reich geschmückten Altären in anderen Kirchen der Region.

Für den Jesuitenorden waren die Missionen ein «heiliges Experiment». Evangelisierung, Schutz der Indianer und kulturelle Entwicklung lagen diesem zugrunde. Ausbeuterischen Kolonialherren und Sklavenjägern war der Zutritt zu den Reduktionen strikte verboten. So wurde die Verschleppung von Indigenen als Arbeitskräfte für Bergwerke und Plantagen verhindert. Aus heutiger Sicht waren die Reduktionen ein antikoloniales Entwicklungsprojekt mit nachhaltiger Wirkung. Auch nach der Wegweisung der Jesuiten durch den spanischen König Carlos III. pflegten Chiquitanos, Guarayos und Moxos die anerzogenen religiösen Riten, bewahrten die Musik und hielten die Kirchenbauten, so gut es ging, instand. Vergeblich hofften sie allerdings auf die Rückkehr ihrer nicht selten verehrten, wenn auch gestrengen Schutzherren.

Eifriger Restaurator

Zu Ehren eines anderen Schweizer Jesuiten, des an der ETH Zürich ausgebildeten Architekten Hans Roth, wurde dieses Jahr in Santa Cruz ein touristischer Circuit, die Ruta Turística Hans Roth, lanciert. Auf meist gut befahrbaren Strassen besucht man all jene Orte der Chiquitanía, wo Roth entweder als Restaurator oder als unkonventioneller moderner Kirchenbauer seine Spuren hinterlassen hat. Ihm ist es zu verdanken, dass die Bauten von Martin Schmid und anderer Jesuitenmissionare in alt-neuem Glanz erstrahlen. Experten bemängeln, dass nicht überall mit der gleichen denkmalpflegerischen Sorgfalt gearbeitet wurde. Der Architekt stand unter Druck der lokalen Kirchenfürsten. Als gelungenstes Beispiel einer sanften Restaurierung durch Roth gilt die Kirche von San Javier.

Wer durch die Dörfer schlendert, stösst immer wieder auf Bewohner, die den 1999 jung verstorbenen Hans Roth persönlich kannten. In San Rafael ist es der Küster, der schildert, wie er die Teile der schweren runden Holzsäulen unter der Aufsicht Roths bearbeitete. In Concepción erzählt der Holzschnitzer, wie er von Roth den Umgang mit Stechbeiteln und Schnitzmessern erlernte. Heute verdient er den Lebensunterhalt mit dem Schnitzen von Engelsfiguren. Im Laden neben der Kathedrale verkauft er sie als Souvenirs – roh oder bemalt, je nach Gusto des Kunden. Als Vorbild dienen die Holzschnitzereien, deren Originale er in der Dorfkirche restaurieren half.

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