Unruhen in Kaschmir
Mit Schrotflinten gegen Demonstranten
von Volker Pabst, Delhi15.8.2016, 15:04 Uhr
Seit Wochen herrschen schwere Unruhen im indischen Teil Kaschmirs. Dies wirkt sich auch auf das Verhältnis zu Pakistan aus. Doch für viele Missstände ist Delhi selber verantwortlich.
Indischen Soldaten patroullieren in den Strassen von Srinagar. (Bild: Farooq Khan / EPA)

Indischen Soldaten patroullieren in den Strassen von Srinagar. (Bild: Farooq Khan / EPA)

Eine gemeinsame Geschichte bedingt auch gemeinsame Feiertage: Am 14. August feiert erst Pakistan die Unabhängigkeit von Grossbritannien, tags darauf Indien. Entsprechend nationalistisch aufgeladen ist Mitte August jeweils die Stimmung in den beiden grössten Staaten Südasiens. Dieses Jahr gilt das umso mehr, fallen die Nationalfeiertage doch in die seit Jahren schwersten Unruhen im indischen Teil Kaschmirs. Nichts hat im Konflikt zwischen den beiden Erbfeinden eine grössere Symbolkraft als die von Delhi und Islamabad gleichermassen beanspruchte Himalajaregion. Bei der Auflösung des britischen Kolonialreichs in Südasien 1947 hatte sich der hinduistische Maharaja des vornehmlich muslimischen Gebiets für einen Anschluss an Indien entschlossen; Pakistan und weite Teile der Bevölkerung haben diesen Schritt nie gutgeheissen.

Gehässiger Schlagabtausch

Die jüngsten Unruhen wurden durch die gezielte Tötung des Untergrundkämpfers Burhan Wani am 8. Juli durch indische Sicherheitskräfte ausgelöst. Unter kaschmirischen Jugendlichen, die zwar nicht selber zu den Waffen greifen, aber angesichts des total zerrütteten Verhältnisses zu Delhi durchaus mit dem militanten Widerstand sympathisieren, war der auf sozialen Netzwerken stark präsente Wani sehr populär. Bei Protesten und den folgenden Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften sind bisher mindestens 58 Personen getötet worden. In weiten Teilen des Kaschmirtals gilt seit fünf Wochen eine Ausgangssperre, Internet und Telefon funktionieren nur eingeschränkt.

Beim Wiederaufflammen des Konflikts um die umstrittene Kaschmir-Region ist ein indischer Polizeioffizier getötet worden. Rebellengruppen kämpfen teils für die Unabhängigkeit Kaschmirs, teils für den Anschluss an Pakistan. Alle Bilder anzeigen

Die jüngste Entwicklung wird, wie meist, von einem zunehmend gehässigen Schlagabtausch zwischen Delhi und Islamabad begleitet. Entsprechend wurde zum Nationalfeiertag eine Reihe von Provokationen ausgetauscht. Der pakistanische Vertreter in Delhi widmete die diesjährigen Feiern zum 14. August dem Freiheitskampf in Kaschmir. Der Sprecher des indischen Aussenministeriums wies das Angebot aus Islamabad, angesichts der schweren Unruhen humanitäre Hilfsgüter über die Grenze zu liefern, mit den Worten zurück, Lieferungen aus Pakistan kenne man angesichts der von Islamabad unterstützten Terroristen in Kaschmir nur zu gut. Und Premierminister Modi erklärte bei seiner Rede am Montag mit Blick auf den Terroranschlag von letzter Woche in Quetta, Pakistan solle seine eigenen Probleme in den Griff bekommen, bevor es Indiens Rolle in Kaschmir kritisiere. Pakistanische Politiker wiederum hatten zuvor behauptet, der indische Geheimdienst stehe hinter dem Anschlag.

Fundamentale Entfremdung

In der Zurückweisung der Sticheleien aus Pakistan ist man sich in Indien weitestgehend einig, über die Strategien zum eigenen Umgang mit der Krise in Kaschmir ist allerdings eine Debatte entbrannt. Das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten steht in der Kritik, insbesondere der Einsatz sogenannter Pellet-Gewehre, die wie Schrotflinten Hunderte von kleinen Geschossen abfeuern. Im Netz kursieren Fotomontagen von Prominenten mit den typischen Gesichtsverletzungen durch Pellet-Beschuss. Die Waffen sind zwar (meist) nicht tödlich, die Projektile können dennoch schwere Schäden verursachen, insbesondere im Auge. Hunderte von jungen Kaschmiris haben in den letzten Wochen ein oder gar beide Augen verloren. Die Polizei stellt die Pellet-Gewehre als notwendiges Übel dar, um grössere Gewalt zu verhindern. Kritiker sehen darin allerdings einen weiteren Beweis, dass die seit 1990 geltenden Sonderrechte der Sicherheitskräfte in Kaschmir zur Erodierung menschenrechtlicher Standards geführt hat.

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Zudem wird eine ernsthafte Auseinandersetzung der Regierung mit den Ursachen der Gewalt, der fundamentalen Entfremdung vieler Kaschmiris vom indischen Staat, vermisst. Delhi erklärt zwar eloquent, weshalb Kaschmir zu Indien gehört, geht aber der Frage, warum die Bewohner der Region sich Indien nicht zugehörig fühlen, aus dem Weg. Stattdessen wird jeder Gewaltausbruch letztlich Pakistan zugeschrieben. Zwar gibt es tatsächlich etablierte Verbindungen des kaschmirischen Untergrunds über die Waffenstillstandslinie hinweg: In der Hochphase des Widerstands in den neunziger Jahren lieferte Islamabad in grossem Stil Waffen an die Aufständischen. Die Konfliktdynamik ist dennoch lokal geprägt. Dass von der jüngsten Eskalation Dutzende von Toten und ein Heer von Entstellten und Geblendeten zurückbleiben, dürfte den Graben zwischen Delhi und den Bewohnern der Unruheregion noch vertiefen.

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