Islamische Welt:
Warum der IS so stark werden konnte

Gute Nachrichten aus der islamischen Welt sind momentan eher Mangelware. Und das nur wenige Jahre, nachdem die Aufstände im arabischen Frühling die Hoffnungen auf bessere Zeiten gestärkt hatten. Was ist schief gelaufen? Der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze geht in seiner „Geschichte der Islamischen Welt“ dieser Frage nach.

Von Jan Kuhlmann

Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat, angeblich in Mossul aufgenommen (afp)

Gruppen wie Al-Kaida oder der IS füllen ein Vakuum in der islamischen Welt, meint der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze. (afp)
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Keine Frage: Die islamische Welt erlebt ihre wahrscheinlich größte Krise, seitdem die Moderne über sie hereingebrochen ist. Die Krise spitzt sich zu im Auftreten radikal-islamischer Bewegungen wie der Terrormiliz Islamischer Staat oder des Terrornetzwerks Al-Kaida. Sie dominieren längst die Wahrnehmung des Islams, obwohl sie nur bei einer Minderheit Anklang finden, wie der Islamwissenschaftler Rainhard Schulze in seiner komplett überarbeiteten „Geschichte der Islamischen Welt“ schreibt:

„Ultraislamische Vorstellungswelten, deren Handlungslogik die Gewalt zu einem islamischen Kult-Akt machte, genossen bis 2015 weder in der altislamischen Welt noch unter muslimischen Gemeinschaften in Migrations- oder Konversionsumgebungen eine breite Zustimmung. Ihre terroristische Handlungsweise aber verschaffte ihnen eine internationale Aufmerksamkeit, die anfänglich disproportional zu ihrer sozialen Bedeutung stand.“

Wie konnte der Arabische Frühling zu den Gewaltexzessen der Extremisten führen?

Wie konnte der Aufbruch des Arabischen Frühlings zu den Gewaltexzessen der Extremisten führen? Das ist eine der Fragen, die Schulze in dem Buch diskutiert. Er setzt ein im 19. Jahrhundert, als die westliche Moderne über die islamische Welt hereinbricht. Von einer Unterordnung islamischer Intellektueller unter Europa sei zunächst keine Rede gewesen, schreibt Schulze. Dann aber …

„… zogen europäische Politiker, Journalisten und Wissenschaftler einen radikalen Trennungsstrich zwischen Europa als dem Hort der modernen Zivilisation und der restlichen Welt, der nun auch die islamischen Länder angehören sollten.“

Europas Kolonialismus wies die islamischen Länder zurück. Fortschritt wurde laut Schulze als unveräußerliches Eigentum Europas angesehen:

„Der gesamte kulturelle Rahmen des Fortschritts sollte dem Orient nur noch als „Leihgabe“ zur Verfügung gestellt werden, der sich die Kolonisierten zwar bedienen dürften, ohne aber selbst eigene Rechte auf diese Zivilisation zu besitzen. Mithin wurden in den islamischen Ländern zwar tatkräftig Eisenbahnen gebaut, Telegrafenleitungen verlegt und neue Bewässerungstechnologien erprobt und entwickelt; doch alles wurde immer mit dem Merkmal versehen, dass es sich um einen Import ‚Made in Europe‘ handelte: Die Muslime seien keineswegs in der Lage gewesen, die Moderne selbst hervorzubringen.“

Der Islam, so Schulze, sei damit zum Begriff der Scheidung zwischen Europa und dem Orient geworden – ein Gegensatz, der die Wahrnehmung bis heute stark prägt. Als Reaktion auf die Moderne entstand damals laut Schulze noch etwas: eine neue islamische Öffentlichkeit und Bürgerlichkeit. Intellektuelle diskutierten die Moderne mit islamischen Begriffen in Zeitungen, Klubs, Parteien und Vereinigungen. Sie wollten den Islam mit der Moderne versöhnen. Dabei übten sie scharfe Kritik an den Verhältnissen in einer islamischen Welt, die von Europa dominiert wurde:

„Die gesamte jüngere islamische Geschichte wurde als dekadent beschrieben und verworfen; den der Tradition verpflichteten Gelehrten wurde vorgehalten, nur noch ‚Unrat‘ zu produzieren, und den Nationalisten, die losgelöst vom Primat der islamischen Kultur ein politisches Programm zu formulieren versuchten, unterstellten sie, dass ihre Politik engstirnig und verbohrt sei.“

Islamische Öffentlichkeit in der Analyse

Die islamische Öffentlichkeit ist das Hauptthema des Buches. Schulze beschreibt ihren Aufstieg und Niedergang. Politik und Gesellschaft sieht er dabei vor allem durch die Wirtschaft und wirtschaftliche Interessen bestimmt. Die Reichweite der islamischen Bürgerlichkeit blieb lange begrenzt – ebenso ihr politischer Einfluss. Über Jahrzehnte übten säkulare, republikanische Regime eine Hegemonie aus, etwa in Ägypten oder Syrien. Doch der Republikanismus der Dritten Welt konnte seine Versprechen für mehr Wohlstand nicht halten. Etwa in Ägypten: Die Städte wuchsen und mit ihnen die Zahl der Ägypter, die ausgegrenzt wurden. Der Staat zog sich zurück, islamische Organisationen wie die Muslimbrüder sprangen ein:

„Islamische Institutionen übernahmen in diesen Welten immer mehr Aufgaben sozialer und ökonomischer Dienstleistungen, oftmals an kleine Moscheen angebunden. Sie bildeten den Nukleus für Solidaritätsnetzwerke, in denen soziale und ökonomische Hilfen gegen Loyalität getauscht wurden. Faktisch übernahmen islamische Institutionen so Staatsaufgaben.“

Die islamische Öffentlichkeit in den 1970er-Jahren: Saudi-Arabiens Einfluss wuchs dank des Ölreichtums rasant. Im Iran stürzte die islamische Revolution den Schah. Islamische Ideologien setzten sich durch. Doch jedem Höhepunkt wohnt bereits der Nukleus des Niedergangs inne. Die iranische Revolution führte schon bald zum Krieg mit dem Irak. In Ägypten und Syrien wurden Unruhen niedergeschlagen. Auch islamische ideologische Utopien verloren an Vertrauen – an ihre Stelle traten wertkonservative, teils rechtspopulistische Gruppen wie etwa die Muslimbrüder. Doch deren Einfluss und soziale Reichweite blieben begrenzt. Zugleich liberalisierten die diktatorischen Regierungen seit den 1980er-Jahren die Wirtschaft und beschnitten parallel dazu die Sozialleistungen. Große Teile der Gesellschaft wurden immer stärker ausgegrenzt, der Staat verlor noch mehr an Einfluss. Die geschwächte islamische Öffentlichkeit konnte nicht einspringen. Im Gegenteil: Sie erlebte ihren eigenen Zerfall, konstatiert Schulze:

„Verkürzt gesagt ging seit den 1980er-Jahren und verstärkt seit der Jahrtausendwende der Konsens, was der Islam sei, verloren. In Ländern wie Irak, Syrien, Libyen, Jemen, Nigeria, Somalia, Afghanistan und Pakistan funktionierte der Islam nicht mehr als Kitt, um die Bevölkerung in einer ‚Gesellschaft‘ zu binden.“

Dies aber schuf den Raum für radikale Bewegungen. Gruppen wie Al-Kaida oder der IS füllten das Vakuum. Es ist also weniger ihre eigene Stärke, durch die sie aufgestiegen sind, sondern die Schwäche der anderen.

Schulzes Buch ist keine einfache Lektüre. Er bedient sich einer soziologischen Sprache und bleibt oft abstrakt, wo konkrete Beispiele hilfreich wären. An anderen Stellen verstrickt er sich in Details. In der Vergangenheit ist ihm vorgeworfen worden, er weise bei der Erklärung der Krisen in der islamischen Welt zu sehr mit dem Finger auf Europa. Doch Schulze arbeitet deutlich auch das Versagen der einheimischen Eliten etwa in Ägypten oder Syrien heraus. Für das Verständnis der islamischen Welt und ihrer Krisen bleibt das Buch indes ein maßgebliches Werk.

Buchinfos:
Reinhard Schulze: „Geschichte der Islamischen Welt. Von 1900 bis zur Gegenwart“
C.H Beck Verlag, 767 Seiten, 34,95 Euro.

http://www.deutschlandfunk.de/islamische-welt-warum-der-is-so-stark-werden-konnte.1310.de.html?dram:article_id=360464

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