Weltsozialforum in Montreal

Magere Beteiligung

von Jörg Michel, Edmonton16.8.2016, 08:00 Uhr
Am Sonntag ist in Kanada das diesjährige Weltsozialforum zu Ende gegangen. Die erstmals im reichen Norden durchgeführte Konferenz hinterlässt eine zwiespältige Bilanz.
(Bild: Soeren Stache / EPA)

(Bild: Soeren Stache / EPA)

Wenig beachtet von den Medien in Nordamerika, ist am Sonntag in Montreal das dreizehnte Weltsozialforum zu Ende gegangen. Das Treffen, das vor 16 Jahren als zivilgesellschaftlicher Gegenentwurf zum Weltwirtschaftsforum in Davos gegründet worden war, versammelte laut Medienberichten etwas mehr als 15 000 registrierte Teilnehmer, die sechs Tage lang zum Motto «Wir brauchen eine andere Welt» diskutierten.

Abnehmende Bedeutung

Die Beteiligung lag deutlich unter den Erwartungen der Veranstalter. Zu den besten Zeiten des Forums 2005 im brasilianischen Porto Alegre waren noch 120 000 Teilnehmer angereist. Dies sei nicht so schlimm, meinten die Organisatoren des Treffens von Montreal und verwiesen darauf, dass sich der Charakter des Forums über die Jahre eben verändert habe. Statt auf einen einzigen, grossen Termin im Jahr setze man zunehmend auf kleinere regionale Treffen rund um die Welt.

Tatsächlich lobten viele Teilnehmer die grosse Auswahl an Veranstaltungen, bei denen über Themen wie Armut, Krieg und Frieden, Klimawandel, Steuerflucht oder Flüchtlingspolitik diskutiert wurde. Um Alternativen zum Neoliberalismus ging es, um Steueroasen und um Finanztransaktionssteuern. Für Beachtung sorgten auch Aktionen gegen die Ausbeutung von Rohstoffen und gegen den Bau neuer Pipelines im Gastgeberland Kanada.

Immer wieder wurde auch die Frage gestellt, ob sich das Forum in die richtige Richtung entwickle und sich die Entscheidung gelohnt habe, das Treffen zum ersten Mal in einem der führenden Industriestaaten abzuhalten und nicht wie bisher in einem Land des globalen Südens. Mit der Wahl von Montreal wollte die Bewegung eigentlich ein Signal zur Überwindung des Nord-Süd-Gegensatzes setzen.

Doch es blieben Zweifel. Montreal sei kein guter Ort für ein Weltsozialforum gewesen, bilanzierte eine Aktivistin. Teilnehmer aus dem Süden waren wegen der hohen Reisekosten rar. Die Filmemacherin und Globalisierungskritikerin Naomi Klein sprach bei einer der Podien von einem «Erste-Welt-Sozialforum», und so war es zumeist auch. Nur eine Minderheit der Teilnehmer kam noch von der Südhalbkugel, aus Asien oder Afrika. Die meisten stammten aus Nordamerika. Eine Delegierte aus Westafrika klagte, ihr Kontinent sei kaum vertreten gewesen. Sie sehe nicht, wie das noch ein Weltsozialforum sein könne.

Fehlende Dolmetscher

Zur mangelnden Vielfalt kamen Verständigungsprobleme. Viele Podien wurden nur einsprachig abgehalten, oftmals nur auf Französisch. Der offizielle Übersetzungsdienst war wegen interner Unstimmigkeiten kurz vor der Konferenz abgesprungen. Dies führte dazu, dass wichtige Themen nur für Französischsprachige zugänglich waren.

Zum Auftakt berichteten die Medien über einen Streit um eine Karikatur im offiziellen Veranstaltungsprogramm, die von jüdischen Gruppen als antisemitisch empfunden wurde. Darauf liess die kanadische Regierung ihr Logo aus dem Kalender streichen.

Die eigentliche Botschaft für eine neue, bessere und linksalternative Welt ging da schon fast unter, zumal auch der Termin bei vielen Delegierten umstritten war. Zahlreiche Globalisierungskritiker wünschen sich, dass die Konferenz künftig wieder parallel zum Weltwirtschaftsforum in Davos stattfindet, damit das Profil wieder schärfer und der Charakter einer Gegenveranstaltung wieder deutlicher erkennbar wird. Auch dürfte das nächste Weltsozialforum als Folge der diesjährigen Erfahrungen wieder im globalen Süden stattfinden.

http://www.nzz.ch/international/amerika/weltsozialforum-in-montreal-magere-beteiligung-ld.111107

Montreal: Das Weltsozialforum in der Krise?

Hunderttausend Globalisierungskritiker versammelten sich einst, um gegen soziale Ungleichheit zu protestieren. Doch das Weltsozialforum, das in diesem Jahr in Kanada stattfindet, zieht immer weniger Teilnehmer an. Warum?

Demonstration beim Weltsozialforum in Montreal (Foto: Getty Images/AFP/C. Sabourin)

(von Christina Ruta, Deutsche Welle)

120.000 Menschen kamen 2005 zum Weltsozialforum nach Porto Alegre. Es war der Höhepunkt einer Protestbewegung, die sich vier Jahre zuvor eben dort, in Süd-Brasilien, als Gegenentwurf zum Weltwirtschaftsforum von Davos formiert hatte.

Auch heute ist das Weltsozialforum noch das größte Treffen globalisierungskritischer Bewegungen. Unter dem Motto „Wir brauchen eine andere Welt“ wollen sich zwischen dem 9. und 14. August 2016 rund 5000 globalisierungskritische Gruppen aus 110 Ländern vernetzen. Doch die Organisatoren erwarten gerade einmal 50.000 Teilnehmer. Hat der Kongress an Bedeutung verloren?

Funktion im Wandel

Luise Steinwachs von Brot für die Welt (Foto: Brot für die Welt)

Luise Steinwachs von „Brot für die Welt“

Nein, sagt Luise Steinwachs der deutschen Hilfsorganisation „Brot für die Welt“, seine Bedeutung habe sich lediglich verändert: „Seit acht, neun Jahren hat es die Funktion als Gegenbewegung zum Weltwirtschaftsforum verloren. Heute ist das Weltsozialforum sehr viel stärker ein Raum für neue Ideen und kreativen Austausch der Aktivisten untereinander.“

Damit, so Steinwachs, habe sich wahrscheinlich auch der Teilnehmerkreis im Vergleich zu den ersten Jahren gewandelt: Neben Fachleuten, die die Diskurse seit Langem prägten, nähmen mittlerweile auch viele junge Leute teil, die sich ausprobieren wollten.

Hinzu kommt wohl auch: Die Unterscheidung zwischen dem „Globalen Norden“ und dem „Globalen Süden“, die beim Weltsozialforum traditionell eine wichtige Rolle spielte, ergibt bei vielen aktuellen Themen keinen Sinn mehr. Terrorismus, Flüchtlingsströme, Klimawandel oder Steuerflucht – diese Herausforderungen müssen weltweit angegangen werden. Zudem gelten nicht mehr allein die wohlhabenden Staaten als Hauptverursacher der Probleme. Die Forums-Teilnehmer richten sich nun auch an Regierungen von Entwicklungs- und Schwellenländern, wie etwa China, das mittlerweile zu den größten Umweltverschmutzern gehört.

Hohe Kosten, schwierige Einreise

Ein weiterer Grund für die geringere Teilnehmerzahl ist in diesem Jahr offenbar auch der Austragungsort, die kanadische Stadt Montreal. Denn zum ersten Mal findet das Forum in einem Industrieland der nördlichen Hemisphäre statt. Die Unterbringungs- und Lebenskosten in Kanada sind deutlich höher als an den früheren Veranstaltungsorten auf der Süd-Halbkugel. Die regionale NGO-Szene etwa aus afrikanischen Ländern wird dementsprechend weniger stark vertreten sein. Es wird sogar damit gerechnet, dass der Großteil der Teilnehmer aus Kanada selbst anreist – viele gar aus Montéal stammen.

Rund 200 Teilnehmer sollen laut Medienberichten zudem kein Visum für Kanada erhalten haben – weil sie nicht genügend finanzielle Mittel für die Rückreise vorweisen konnten. Darunter befinden sich demnach auch sechs gewählte Parlamentarier aus Afrika und Asien.

Nicht nur Kritik am Veranstaltungsort

Luise Steinwachs von „Brot für die Welt“ kennt das Problem. „Auch wir haben Partnerorganisationen, die ihre Pässe bei den Botschaften abgelegt, aber noch keine Rückmeldung haben, warum sie die Visa nicht erhalten haben.“ Dass Geld eine Rolle spielt, hält sie für unwahrscheinlich: „Bei den Partnern, mit denen wir zusammenarbeiten, ist die Finanzierung üblicherweise geklärt.“

Trotz aller Umstände befürwortet sie die Wahl Montreals als Veranstaltungsort: „Das macht deutlich, dass es nicht mehr die traditionelle Nord-Süd-Unterscheidung gibt, sondern dass wir im Norden inzwischen dieselben Prozesse erleben und daher auch Teil einer gemeinsamen Bewegung sind.“ Vor diesem Hintergrund sei es ein großer Fortschritt, dass Kanada eine große zivilgesellschaftliche Bewegung habe, die das Forum tragen könne und sich mit den Anliegen identifiziere.

Und letztendlich ist das Weltwirtschaftsforum trotz abnehmender Teilnehmerzahlen eine weltweit einmalige Einrichtung zur Vernetzung zivilgegellschaftlicher Akteure untereinander. Alle anderen zivilgesellschaftlichen Gipfel sind angedockt an Regierungsverhandlungen oder UN-Gipfel, wo das Gegenüber ebenfalls Regierungen sind.

http://weltsozialforum.org/news.wsf.2016.35/

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