Alex Brunner, Architekt HTL, Bahnhofstrasse 210, 8620 Wetzikon, http://www.brunner-architekt.ch

Brandt-Report: „Das Überleben sichern“ –
Bericht der Nord-Süd-Kommission

 
Einleitung
Der Präsident der Weltbank2, Robert S. McNamara, regte anlässlich seiner Ansprache auf der
Jahrestagung 1977 des IWF und der Weltbank eine ‚Unabhängige Kommission für Internationale
Entwicklungsfragen‘ an, die noch im selben Jahr unter dem Namen Nord-Süd-Kommission und
dem Vorsitz von Willy Brandt ihre Arbeit aufnahm. Im Jahre 1980 überreicht die Kommission den
„Nord-Süd-Bericht“ den Vereinten Nationen und nicht dem IWF bzw. der Weltbank!
Ihre Hauptaufgabe sah sie darin, „die ernsten Probleme von globalen Ausmassen zu untersuchen,
wie sie sich aus den wirtschaftlichen und sozialen Ungleichgewichten der Weltgemeinschaft
ergeben und Wege dafür aufzuzeigen, wie angemessene Lösungen für die Entwicklungsprobleme
(…) und Armut vorangetrieben werden können.“
Sie verlangt, die unterprivilegierten Länder des Südens in die Weltwirtschaft zu integrieren –
nachdem ihre keimende Entwicklung durch die Ölkrise abrupt beendet wurde. Mit Aktionsprogrammen,
Projekten und Reformen will man dem Ernährungsproblem, dem Bevölkerungswachstum,
der wachsenden Umweltproblematik und der Ressourcenknappheit entgegenwirken. So umfasst
das Sofortprogramm (Zusammenfassung der Empfehlungen gemäss Report im Anhang4)
 die gezielte Erhöhung der Entwicklungshilfe,
 eine internationale Energiestrategie, die die weltweite Energieversorgung sicherstellt und Umweltbelange
berücksichtigt,
 ein weltumspannendes Nahrungsmittelprogramm sowie
 die Inangriffnahme grösserer Reformen des Weltwirtschaftssystems.
Mit einer weitgehenden Handelsliberalisierung, einem Abbau des Protektionismus und diversen
Agrar- und Strukturanpassungsprogrammen sollten die Entwicklungsländer in die Lage versetzt
werden, ihre Ernährungssicherung zu verbessern und die Exportkapazität zu erhöhen. Neben einer
Umgestaltung und Ausweitung der Finanzhilfen sollte ihnen auch eine grössere Mitsprache im
Rohstoffhandel zugebilligt werden.

Rede vor der United Nations Association in New York, 26. Oktober 1978

1977 übernimmt Willy Brandt den Vorsitz der „Unabhängigen Kommission für Internationale Entwicklungsfragen“. Sie soll den Nord-Süd-Dialog wieder beleben und neue Vorschläge für die internationalen Verhandlungen machen. Die Brandt-Kommission erarbeitet einen Bericht zur Zukunft der Entwicklungspolitik, der 1980 an die Vereinten Nationen übergeben wird.

Auf zahlreichen Reisen stellt Willy Brandt die Arbeit des von ihm geleiteten Gremiums vor und wirbt für grundlegende Veränderungen in den Beziehungen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Bei seiner Rede vor der United Nations Association of America am 26. Oktober 1978 spricht er sich für eine neue gerechtere internationale Ordnung aus und appelliert besonders an die USA, ihrer globalen Verantwortung besser gerecht zu werden.

9. Februar 1983: Vorlage des 2. Berichtes der Nord-Süd-Kommission

1977 hatte Willy Brandt auf Bitte des Weltbankpräsidenten Robert McNamara (vormals US-Verteidigungsminister) den Vorsitz der Nord-Süd-Kommission übernommen. Die offizielle Bezeichnung war „Unabhängige Kommission für Entwicklungsfragen“.

Der 1980 erschienene erste Bericht „Das Überleben sichern“ lenkt den Blick auf aktuelle Probleme der „Dritten Welt“.  Das Vorwort von Willy Brandt ist bemerkenswert und von hoher Aktualität. Brandt verwendet in ihm zum ersten Mal den Begriff ‚Globalisierung‘ und schreibt u.a.:

„Die Globalisierung von Gefahren und Herausforderungen – Krieg, Chaos, Selbstzerstörung – erfordert eine Art ‚Weltinnenpolitik‘, die über den Horizont von Kirchtürmen, aber auch nationale Grenzen weit  hinausreicht.“

Das Dokument zeigt einen Auszug aus diesem Vorwort in englischer Sprache mit handschriftlichen Anmerkungen von Willy Brandt.

Aus dem Vorwort zum ersten Bericht. Quelle: Willy-Brandt-Archiv im AdsD der Friedrich-Ebert-Stiftung

Am 9. Februar 1983 legt die Kommission einen zweiten Bericht vor, der den Titel trägt „Hilfe in der Weltkrise“ und eine Reihe von Sofortmaßnahmen vorschlägt, um der zunehmenden Verschlechterung der weltwirtschaftlichen Lage entgegenzutreten. Der Bericht richtet sich an Regierungen, internationale Organisationen und die Wirtschaft mit der Aufforderung, diese Vorschläge aufzunehmen.

Was die Wirksamkeit des ersten Berichts betrifft, zieht Willy Brandt im Februar 1983 eine ernüchternde Bilanz. Keine der damals vorgeschlagenen Reformen sei praktisch in Angriff genommen worden. Die internationale Gemeinschaft sei mit der Lösung der schwierigsten Fragen nur wenig vorangekommen. Die Kommission bezweifle, dass das bestehende Instrumentarium ausreiche, mit den Ungleichgewichten sowie mit der Bewältigung der globalen Liquiditäts- und Schuldenfragen fertig zu werden.

Von Unkel aus war Willy Brandt im Rahmen seiner Tätigkeit für die Nord-Süd-Kommission zu zahlreichen Reisen in alle Welt aufgebrochen. Sein Kalender verzeichnet in den Unkeler Jahren annähernd 200 Reisen. Er setzte sich dafür ein, in einer sich immer mehr vernetzenden Welt die Bekämpfung von Not, Hunger und Elend in den Mittelpunkt politischer Bemühungen zu stellen und dafür internationale Verantwortlichkeit einzufordern.

Verwendetes Material: Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 10.2.1983: „Vorschläge zur ‚Hilfe in der Weltkrise“

Das Dokument wurde zur Verfügung gestellt vom Willy-Brandt-Archiv im Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn

9. Februar 1983: Vorlage des 2. Berichtes der Nord-Süd-Kommission

 

http://www.willy-brandt.de/willy-brandt/bedeutende-reden.html

http://www.willy-brandt.de/fileadmin/brandt/Downloads/Rede_Brandt_UNA_New_York_1978.pdf

Rede des Vorsitzenden der Nord-Süd-Kommission, Willy Brandt, vor der United Nations Association in New York, 26. Oktober 1978 I.

 

„Lassen Sie mich zuerst Dank sagen für die Gelegenheit, heute hier bei Ihnen in New York zu sein und über eines der wichtigsten Thema unserer Zeit zu sprechen: Die Zukunft unseres Planeten und die Existenz der Menschheit ist nicht nur bedroht durch ernste politische Spannungen und durch das Wettrüsten, das in einem Nuklearkrieg explodieren könnte. Die Welt kann ebenso gefährdet werden durch eine größer werdende Kluft zwischen Staaten, die unter Hunger leiden und denen, die mehr essen als sie sollten. Frieden und Entwicklung, Abrüstung und Entwicklung sind auf verschiedene Weise miteinander verbunden und Ost-West-Probleme kreuzen sich mit NordSüd-Problemen. Aber selbst wenn wir die Gefahren eines Nuklearkrieges ausblendeten, sind wir konfrontiert mit der Notwendigkeit, die internationalen Beziehungen neu zu ordnen, besonders auf wirtschaftlichem Gebiet. Für mich gibt es keinen Zweifel daran, dass die Beziehungen zwischen den Industrie- und den Entwicklungsländern entscheidend verbessert werden müssen. Für mich stellt dies das wichtigste soziale Problem für den Rest unseres Jahrhunderts dar. Und ich werde nicht müde werden, das Ausmaß dieser Aufgabe zu erklären. Natürlich könnten Sie die Frage stellen, warum ich besonders qualifiziert sein sollte, zu diesem Thema zu Ihnen zu sprechen. Ich bin mir seiner Bedeutung bewusst, seit ich als junger Mann während des Zweiten Weltkrieges einiges über Friedensziele geschrieben habe. Aber ich muss gestehen, dass, als ich die Regierungsverantwortung in meinem Land innehatte, Nord-Süd-Fragen nicht im Mittelpunkt meiner täglichen Aktivitäten standen. Wir hätten mehr tun sollen und können. Zur gleichen Zeit sollte man sich daran erinnern, dass wir auf einem anderen wichtigen Gebiet einige Arbeit geleistet haben, nämlich die Spannungen in unserem Teil der Welt zu vermindern, die Beziehungen zwischen West- und Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung Berlin Osteuropa zu verbessern und damit den Frieden etwas sicherer zu machen, als er es vorher gewesen war. Als ich im letzten Jahr gefragt wurde, ob ich eine unabhängige Kommission für internationale Entwicklungsfragen zusammenbringen und ihr vorsitzen könnte, mag meine Erfahrung im Umgang mit schwierigen Problemen auf einem anderen Gebiet immer in den Köpfen gewesen sein. Und als ich zustimmte, war es meine Hoffnung, dass auf einem viel größeren Feld als dem der „Ostpolitik“ es möglich sein könnte, noch einmal zu demonstrieren, wie der Charakter eines Konflikts verändert werden kann – wie Gebiete gemeinsamen Interesses entdeckt und entwickelt werden können – und wie dies nicht nur für den Weltfrieden, sondern auch für die kommende Generation der Völker überall auf der Welt von Vorteil sein kann. Eine neue internationale Ordnung vorzubereiten und aufzubauen ist eine zu wichtige Aufgabe, um sie allein den Regierungen und den internationalen Behörden zu überlassen. Die internationale Szenerie in beispielloser Weise neu zu formen erfordert das Verständnis und die Unterstützung von vielen verantwortlichen und weitsichtigen Bürgern auf der ganzen Welt. Ich bin froh zu wissen, dass die United Nations Association of America – und ihre New Yorker Sektion – sich dieser Aufgabe verschrieben haben. Und ich hoffe, dass UNO-Vereinigungen in vielen Ländern dem Problem, mit dem wir uns hier beschäftigen, größere Aufmerksamkeit widmen werden: Wie kann man die Beziehungen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern entscheidend verbessern? II. Ich bin völlig anderer Meinung als diejenigen, die sagen, wir seien nicht in der Lage, die Nord-Süd-Fragen zu lösen. Wir sehen ermutigende Beispiele für das, was Staaten erreichen können, wenn sie Entscheidungen treffen, die auf die Herausforderungen eingehen, mit denen sie konfrontiert sind. Die Aufgabe ist daher die Schaffung einer neuen internationalen Ordnung – und ich lasse bewusst das Wort „wirtschaftlich“ weg, weil ich sicher bin, dass eine 2 Rede vor der United Nations Association in New York 1978 neue Ordnung auch politische Elemente enthalten muss und dass kulturelle und soziale Beziehungen nicht unterbewertet werden dürfen. Was wir brauchen, ist eine internationale Ordnung, in der die bislang unterprivilegierte Mehrheit der Weltbevölkerung eine bessere Perspektive für ihr Leben erkennen kann und in der es viel mehr Gleichheit nicht nur der Chancen, sondern auch der tatsächlichen Gegebenheiten gibt. Wenn man auf die augenblickliche Lage unserer Staaten – auf beiden Seiten des Atlantiks – schaut, dann wird man sicherlich zu der Schlussfolgerung kommen, dass wir eine schwierige Periode durchleben. Das Wachstum von den 1950er bis zu den frühen 1970er Jahren hat sich in den reichen Ländern verlangsamt. Und obwohl es Arbeitslosigkeit und überschüssige Industriekapazitäten gibt, haben wir Angst vor Stimulierungsmaßnahmen, weil sie weitere Inflation und Zahlungsbilanzprobleme mit sich bringen könnten. Unsicherheit beeinträchtigt die Wirtschaft und Industrieinvestitionen stagnieren im Großteil der industrialisierten Welt. Die wirtschaftliche Zukunft ist zunehmend unberechenbar geworden. Aber heute sind wir uns über die Lage der Entwicklungsländer viel stärker bewusst als in den 1940er oder selbst den 1960er Jahren. Als eine Gruppe gesehen sind ihre Volkswirtschaften in den letzten Jahren schneller gewachsen als unsere. Aber das ist in mancher Hinsicht irreführend. Die so genannten Schwellenländer, in denen der Lebensstandard relativ hoch ist und rasch ansteigt, sind Teil dieser Gruppe; so auch die ölexportierenden Entwicklungsländer. Wenn man diese abzieht, bleiben die Entwicklungsländer mit niedrigem Einkommen übrig, wo die große Masse der Armen der Welt lebt. Diese Länder haben auch einige Fortschritte gemacht, die aber viel zu klein sind, um ihre Menschen in einem angemessenen Tempo in die Nähe eines bescheidenen Lebens zu führen. Heute sind sogar die Entwicklungsländer, die besser dran sind, durch die Stagnation der Industrieländer bedroht. Aus vielen Gründen sind die Aussichten 3 Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung Berlin für die armen Länder und für die Armen in diesen Ländern alles andere als glänzend. In den Jahren des Nachkriegsaufschwungs gab es ein zusammenhängendes Set von Regeln und institutionellen Verfahren, die den internationalen Finanzen und dem Handel Stabilität verliehen. In ihrem jetzigen Zustand erregen die internationalen Beziehungen eine ganze Menge Besorgnis. Der Internationale Währungsfonds und die anderen nach dem Krieg gegründeten Institutionen sind immer noch etabliert, aber einige ihrer wichtigen Funktionen sind praktisch hinfällig: Es gibt ein unsicheres und nicht sehr kooperatives Wechselkurssystem; der internationale Handel ist mit ad-hoc-Vereinbarungen durchsetzt und der Protektionismus wächst und droht, noch schlimmer zu werden. Obwohl wir viele internationale Probleme haben, haben wir keine überzeugenden Lösungen. Noch sind wir bisher in der Lage gewesen – mangels klarer Führung, wie sie durch wichtige Staaten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bereit gestellt wurde –, das neue internationale System zu schaffen, das gebraucht wird. Wenn wir also von den Nord-Süd-Beziehungen sprechen, müssen wir begreifen, dass das internationale System, mit dem wir zu leben haben, gegenwärtig den Interessen des Nordens nicht gerecht wird. Und für den Süden ist es nie wirklich fair gewesen. Mit erheblichem Recht beklagen die Entwicklungsländer, dass das internationale Wirtschaftssystem, in dem sie nicht ausreichend repräsentiert sind – zusammen mit der bedeutend größeren Kaufkraft und der hoch entwickelten Organisation der Industrieländer –, die Benachteiligung der Entwicklungsländer bei Handel, Währung und Finanzen bestehen lässt. Das ist es hauptsächlich, was sie zu beseitigen suchen, wenn sie nach einer neuen internationalen Ordnung rufen. Es ist meine Überzeugung, dass wir alle einer neuen Ordnung bedürfen. Ich glaube, die Staatsmänner der Welt – und jene, die sie beraten und beeinflussen 4 Rede vor der United Nations Association in New York 1978 – sollten diesen Problemen sehr viel mehr Beachtung schenken, so dass alle Länder in einer gesünderen Weltwirtschaft kooperieren können. Die Probleme der Entwicklungsländer sind nicht zu trennen von unseren eigenen, und eine Lösung unserer Probleme muss einen besseren Anteil für sie beinhalten. Tatsächlich würde eine prosperierende Dritte Welt den entwickelten, industrialisierten Ländern viele positive Vorteile bringen. Ein gewisser Lernprozess findet in beiden Richtungen statt. Die Repräsentanten der Entwicklungsländer realisieren mehr und mehr, dass gesunde Volkswirtschaften in der industrialisierten Welt auch in ihrem Interesse liegen. In den Industrieländern wiederum wird zunehmend erkannt, dass langfristige wirtschaftliche Expansion partiell von wachsendem Handel mit den Ländern der Dritten Welt abhängen muss. Zu einem bestimmten Grad spiegelte sich das vor wenigen Monaten in Bonn beim Weltwirtschaftsgipfel der sieben wichtigsten Industriestaaten auch wider. Aber auf der anderen Seite wächst zweifellos die Frustration in den internationalen Verhandlungen. Viele Resolutionen sind von den Vereinten Nationen und anderen internationalen Foren in den letzten Jahren verabschiedet worden. Es wurde nicht nur viel Rhetorik produziert, sondern es wurden auch viele Hoffnungen ausgedrückt und eine Menge an Denkarbeit verrichtet – über Handel und Güter, Grundbedürfnisse und innere Reformen, Technologien und transnationale Unternehmen, Bevölkerung und Bildung – nicht zuletzt über Möglichkeiten der Entwicklungsfinanzierung und über Methoden einer Neustrukturierung des internationalen Währungssystems und natürlich auch über Probleme der internationalen Verhandlungs- und Kooperationsmaschinerie. III. Letztes Jahr wurde ich, wie ich schon sagte, mit der Frage konfrontiert, welchen Beitrag eine unabhängige internationale Kommission leisten könnte. 5 Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung Berlin Wie Sie sich vielleicht erinnern, war es Robert McNamara, der Präsident der Weltbank, der in seiner Bostoner Rede im Januar 1977 empfahl, dass eine Gruppe unabhängiger Persönlichkeiten aus Entwicklungs- und Industrieländern jene Bereiche aufzeigen sollte, die sowohl in den reichen als auch in den armen Ländern öffentliche und legislative Unterstützung finden könnten. Da die Pariser Konferenz über Internationale Wirtschaftliche Zusammenarbeit damals noch andauerte, zögerte ich, diesem Vorschlag sofort zu folgen. Ich füge rasch hinzu, dass der unbefriedigende Ausgang der Pariser Gespräche für einige Zeit erhebliche Vorbehalte dagegen nährte, ein neues Gremium zu schaffen wie die Kommission, die ich nun leite. Ich war einer Reihe von Freunden aus den Entwicklungsländern dankbar, dass ich mit ihnen über ihre Bedenken sprechen konnte – nicht zuletzt im letzten Herbst hier in New York –, und einer der Gäste heute Abend, Botschafter Donald Mills aus Jamaika, wird sich sicherlich an diese Gespräche erinnern. Mittlerweile scheinen diese Vorbehalte verschwunden zu sein und einige der Regierungen, die Bedenken hatten, setzen inzwischen viel Vertrauen in unseren Versuch, die internationale Debatte neu zu strukturieren. Natürlich bleibt das Problem, welche Ergebnisse man vernünftigerweise von einer Kommission erwarten kann, die keine Macht hat außer – wenn es uns gelingt – der Werbekraft überzeugender Argumente. Meine eigenen Erwartungen sind nicht unrealistisch hoch, aber ich glaube, dass wir mehr erreichen werden, als nur ein weiteres Buch zu produzieren. Selbst wenn das passieren würde, ist der Menschheit durch andere Dinge größerer Schaden zugefügt worden als eine kleine oder große Zahl von mehr oder minder interessierten Lesern anzusprechen. Um es ernster auszudrücken: Wenn unser Bericht im nächsten Herbst fertig ist, wird er an den Generalsekretär der UNO übersandt werden, der diesem Verfahren zugestimmt hat. Zur gleichen Zeit wird der Bericht den Regierungen, internationalen Organisationen und der interessierten Öffentlichkeit zugänglich 6 Rede vor der United Nations Association in New York 1978 gemacht werden – sowohl in der sich entwickelnden als auch in der industrialisierten Welt. Wir haben nicht die Absicht, laufende Verhandlungen, für die die Regierungen die Verantwortung tragen, zu kopieren oder vorwegzunehmen. Auf der anderen Seite werden wir uns nicht auf jene Themen beschränken, die für die vor uns liegenden nächsten Jahre Gegenstand laufender internationaler Verhandlungen sind. Wir werden versuchen, eine Perspektive für die achtziger Jahre und – soweit wie möglich – für den Rest des Jahrhunderts zu entwickeln. Ich bin nicht in der Lage, Ihnen eine Art „Halbzeit“-Bericht zu geben, weil wir bis jetzt ein ständiges Brainstorming durchgeführt haben. Aber ich kann Ihnen einige Leitsätze nennen: Unser Dialog schließt mit Sicherheit die Frage nicht aus: Welche Art von Entwicklung ist wirklich gefragt und notwendig? Der Umstand, dass kritische Bürger in unseren Gesellschaften unsere eigenen Formen der Entwicklung und Wachstumsziele in Frage stellen, macht es noch offensichtlicher, dass man den historischen und kulturellen Traditionen einzelner Nationen größere Aufmerksamkeit schenken muss, um auf ihre angemessenen Bedürfnisse nach individueller Entwicklung zu reagieren. Ich bin sicher, unsere Perspektiven werden auf der wachsenden Interdependenz der Weltgemeinschaft gründen und durch die von uns so genannte Gemeinsamkeit der Interessen beeinflusst werden – nicht als ein Slogan oder eine Schlagzeile, sondern als eine Interpretation von Tatsachen und wünschenswerten Entwicklungen. Ich glaube, dass es wichtig ist – womit ich unterstreiche, was ich bereits andeutete –, das Bezugssystem der Debatte zu ändern. Die öffentliche Meinung sollte die internationalen Entwicklungsprobleme nicht im Sinne von „die Reichen helfen den Armen“ betrachten, sondern so, dass die Entwicklungsländer einen gerechten Ertrag für ihren eigenen produktiven Anstrengungen erhalten und die 7 Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung Berlin Industrieländer für den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt der gesamten Menschheit mit ihnen zusammenarbeiten. Zweifellos kann niemand, der über Wirtschaft redet und ernst genommen werden will, vor der Notwendigkeit davon laufen, den Ressourcentransfer zu erhöhen. Nach meiner Meinung bedeutet das nicht, dass alle Vorschläge, die wir auf der internationalen Agenda gesehen haben und noch sehen, es verdienen, realistisch genannt zu werden. Zugleich finde ich es interessant und auch ermutigend zu beobachten, dass den Möglichkeiten von mehr Kooperation zwischen Entwicklungsländern beträchtliche Aufmerksamkeit zuteil wird. Das würde nicht nur ihre Abhängigkeit vom wirtschaftlichem Auf und Ab in der industrialisierten Welt verringern. Es würde auch mehr von ihren eigenen Ressourcen mobilisieren. Diesbezüglich hat, denke ich, die Konferenz über Technische Zusammenarbeit zwischen Entwicklungsländern, die kürzlich in Buenos Aires stattfand, wichtige Signale gesetzt. Ohne die politische Solidarität der Entwicklungsländer zu gefährden, scheint es angemessen, sie nach ihrer wirtschaftlichen Entwicklung stärker zu unterscheiden. Ich habe erhebliche Zweifel, ob globale Ansätze und allgemeine Forderungen gemeinsame Lösungen wirklich erleichtern. Wie Sie sich erinnern dürften, beschäftigte sich die Pearson-Kommission nicht mit der Möglichkeit oder auch nur der Wünschbarkeit, den so genannten Osten, die kommunistisch regierten Staaten, in eine verstärkte Nord-Süd-Kooperation einzubinden. In meiner Kommission hoffen wir, diese Seite miteinbeziehen zu können. Wir wollen diese Partner auf nicht-polemische Weise ansprechen und die Interessen und Argumente der betreffenden Länder berücksichtigen. Mitglieder unserer Sekretariats haben in diesem Sommer Expertengespräche in Moskau geführt und wir hoffen, dass diese Diskussionen fortgesetzt werden können. Ich persönlich sprach mit führenden Verantwortlichen in der Sowjetunion 8 Rede vor der United Nations Association in New York 1978 und in Osteuropa. Sie vermittelten mir den Eindruck, dass dort das Bewusstsein wächst, ein eigenes Interesse an dem zu haben, was in den internationalen Foren verhandelt wird. Zugleich zeigten mir Gespräche mit politischen Führern aus dem Süden, dass viele von ihnen unzufrieden damit sind, dass ihr Dialog auf den westlichen Teil des Nordens beschränkt ist. Expertenkontakte werden auch mit der Volksrepublik China etabliert werden müssen, die gewiss eine eigene bemerkenswerte Entwicklungserfahrung hat. Mit Blick auf Chinas Entscheidung, die Zusammenarbeit mit industrialisierten Ländern stark auszuweiten, könnte seine Rolle in der Zukunft noch größer sein. Wir sehen uns auch dieser Frage gegenüber: Hat unsere Weltgemeinschaft die richtige internationale Maschinerie entwickelt, um mit den Problemen fertig zu werden? Die wichtigsten Währungs- und Finanzinstitutionen – die sie alle kennen – wurden in den vierziger Jahren gegründet, vor gut dreißig Jahren, deutlich vor der Welle der Dekolonisation. Der Einfluss der Dritten Welt bei der Entscheidungsfindung ist immer noch unbefriedigend; Reformen sind notwendig. Die Vereinten Nationen – als ein Forum für alle Staaten – sind nicht zu ersetzen trotz der bekannten Mängel. Doch wir müssen erkennen, was es bedeutet, dass die UN-Familie wesentlich größer geworden ist und internationale Konferenzen überall auf der Welt so zahlreich sind, dass man sie kaum im Auge behalten kann. Die Gefahr besteht, dass internationalen Organisationen die Schuld an fehlenden Fortschritten gegeben wird, obwohl in Wirklichkeit andere Gründe in erster Linie dafür verantwortlich sind. Daher scheint es geboten, auch die Leistungen und Mängel der internationalen Verhandlungsmaschinerie zu untersuchen. In jedem Fall sollte meine Kommission, bevor sie ihren Bericht vorlegt, in der Lage sein, das UNCTAD-Treffen in Manila 1979 zu bilanzieren, von dem man erhoffen muss, dass einige der schwierigen Fragen, mit denen wir seit mehreren Jahren konfrontiert sind, einer befriedigenden Lösung näher gebracht werden. 9 Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung Berlin Dieses Treffen und die Achte Sonderversammlung der UNO im Jahr 1980 werden hoffentlich den Weg bereiten für eine Dritte Entwicklungsdekade. IV. Ich sagte: Wir verfügen über ermutigende Beispiele dafür, was Staaten erreichen können, wenn Entscheidungen gefällt werden, die den Herausforderungen entsprechen, denen die Staaten gegenüberstehen. Ich denke an die Zeit – gerade sind etwas mehr als dreißig Jahre vergangen –, als im Juni 1947 der Außenminister dieses Landes eine Rede in Harvard hielt und das einführte, was schließlich unter dem Namen Marshall-Plan bekannt wurde. Wir in Europa schauten damals auf die Ruinen der Welt, die wir einmal gekannt hatten. Unsere Länder, unsere Industrien waren durch den Krieg zertrümmert. Der Faschismus war besiegt worden, aber neue politische Bedrohungen zeichneten sich ab. Es war eine schwierige, eine schmerzvolle Zeit. Wir brauchten dringend Hilfe von außen und wir bekamen sie. In der Tat ermöglichten es die Vereinigten Staaten, dass die Volkswirtschaften Westeuropas wieder auf die Beine kamen, und sie legten dadurch das Fundament für eine blühende Zukunft in diesem Teil der Welt. Durch diesen mutigen Schritt der Regierung der Vereinigten Staaten wurde die Basis geschaffen für ein verlässliches und ziemlich fruchtbares Bündnis, das schon seit mehr als drei Jahrzehnten besteht. Es freute mich sehr, dass ich 1972 als Bundeskanzler in meinem Land anlässlich des 25-jährigen Jubiläums des Marshall-Plans als ein Zeichen unserer Wertschätzung eine Stiftung errichten konnte. Und es bewegte mich, als ich letztes Jahr erfuhr, dass der German Marshall Fund der Vereinigten Staaten die erste private Institution war, die Geld für den Start unserer Kommission bereitstellte. Ich bringe vor, dass die Vereinigten Staaten – diesmal mit einem wiederhergestellten Europa und Japan an ihrer Seite – heute mit einer ähnlichen Herausforderung konfrontiert sind. 10 Rede vor der United Nations Association in New York 1978 Nicht, dass ich für einen neuen „Marshall-Plan für die Dritte Welt“ eintrete. Die Situation ist nicht vergleichbar, da wir in Europa Fähigkeiten, Knowhow und Verwaltung hatten und „nur“ Finanzmittel benötigten. In vielen Entwicklungsländern müssen diese Voraussetzungen jedoch erst aufgebaut werden, so dass Geld allein nicht ausreichen würde, wie wichtig zusätzliche finanzielle Quellen in der Zukunft auch sein mögen. Der Marshall-Plan war also ein Instrument zur Förderung regionaler Kooperation in Europa, weil die Vereinigten Staaten es zur Bedingung machten, dass eine Organisation zu diesem Zweck aufgebaut wurde: die Organisation für Europäische Wirtschaftliche Zusammenarbeit (OEEC). Und diese Erfahrung hat natürlich die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft erleichtert. Was ich befürworte, ist ein substanzieller Beitrag dieses Landes, um eine bessere internationale Ordnung schaffen zu helfen. Innerhalb der industrialisierten Welt müssen die Vereinigten Staaten die Führung übernehmen. Sie müssen einfallsreiche Ideen und Vorschläge auf den Markt bringen und der Gefahr widerstehen, sich nach innen zu richten. Bei diesen Bemühungen spielen die Gemeinsamkeit von Interessen, die Auffassung, dass vermehrte Kooperation der Wirtschaft nützt, eine wichtige Rolle. Mein Kommissionskollege Peter Peterson, der heute Abend hier bei uns ist, betont diesen wichtigen Punkt in seinen Artikeln und Reden ganz besonders. Es ist gewiss nicht meine Aufgabe, irgendwelche Zweifel auszudrücken über ein ertragreiches und ermutigendes Zusammenspiel von Kongress und Administration auf diesem Gebiet. Auch glaube ich wirklich nicht, dass das amerikanische Volk gegenüber dem Schicksal der Armen und der Hungernden in der Dritten Welt gleichgültig ist. Die Idee, dass Individuen und Länder für sich selbst sorgen und dass die Bedingungen, unter denen sie das tun können, geschaffen werden sollten, muss eine große Anziehungskraft auf Amerikaner ausüben. Daher glaube ich, dass die Regierung der Vereinigten Staaten auf staatsmännische Weise auf die Probleme der Welt reagieren und Amerika dazu 11 Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung Berlin bringen wird, eine große Rolle beim Aufbau einer gesunden Weltwirtschaft, einer globalen Gemeinschaft, zu spielen. Defätismus, so kommt es mir vor, ist nicht Teil des American way of life. Etwas so wichtiges und einfallsreiches wie der Marshall-Plan wird gebraucht. Aber bei diesem Plan ging es hauptsächlich um Hilfe und – wie ich sagte – ich denke nicht, dass Hilfe, auch wenn sie äußerst wichtig ist, das Hauptmerkmal des gesuchten neuen internationalen Systems ist. Was die Entwicklungsländer wollen, was sie brauchen, was sie, wie ich meine, verdienen, ist eine Welt, in der sie ihren eigenen Unterhalt verdienen und aus eigener Kraft wachsen können. Wenn ein internationales System etabliert werden kann, in dem die Entwicklungsländer die Güter, die sie produzieren, frei handeln dürfen und dafür einen gerechten Lohn erhalten und sie ausreichenden Zugang zu den Finanzmärkten haben, würden viele von ihnen Hilfe nicht einmal wollen. Mehrere dieser Länder haben, wie Sie bestimmt wissen, aus der „self reliance“ eine Tugend gemacht und mit großer Disziplin und harter Arbeit sind sie auf dem Weg, in die Ränge der Industriestaaten aufzusteigen. Aber am anderen Ende des Spektrums gibt es eine Reihe von Ländern, deren Aussichten so begrenzt und deren Bedürfnisse so groß sind, dass sie weiterhin Hilfe erhalten werden, wahrscheinlich für eine weitere Generation. Die reichen Länder werden diese Hilfe leisten müssen – Europa, Kanada, Japan und andere zusammen mit den Vereinigten Staaten. Dennoch bin ich sicher, unser Ziel muss es sein, eine Welt zu schaffen, in der Hilfe schrittweise entbehrlich wird, in der alle Länder wachsen und gedeihen können ohne konzessionäre Hilfen. Wenn ich mich auf den Marshall-Plan bezogen habe, geschah es zum einen, um einmal mehr diesen bemerkenswerten Abschnitt in Erinnerung zu rufen, einem 12 Rede vor der United Nations Association in New York 1978 Meilenstein der internationalen Zusammenarbeit. Zum anderen geschah es, um an die Zeit zu erinnern, als die Vereinigten Staaten die attraktivste Seite ihres Internationalismus zeigten, ihrer Großzügigkeit, ihres praktischen Interesses. Die Welt brauchte Amerika und Amerika versagte sich nicht. Einige Leute mögen jetzt sagen, dass die Vereinigten Staaten von heute ein anderes Land sind, beschäftigt mit den eigenen Problemen, irgendwie nach innen gerichtet, nicht erpicht darauf, an internationalen Maßnahmen teilzunehmen, die den vor uns liegenden Herausforderungen begegnen. Ich denke, diejenigen haben Unrecht. Unter anderem gründe ich meine Ansicht auf den Zusatz zum Foreign Assistance Act von 1961, den der US-Kongress im September dieses Jahres verabschiedet hat und in dem es heißt, dass die Entwicklungspolitik der Vereinigten Staaten auf vier prinzipielle Ziele Wert legen sollte: „(1) die schlimmsten physischen Erscheinungsformen der Armut bei der Mehrheit der Armen in der Welt zu lindern; (2) Bedingungen zu fördern, die die Entwicklungsländer befähigen, selbstversorgendes wirtschaftliches Wachstum mit einer gerechten Gewinnverteilung zu erzielen; (3) Entwicklungsprozesse zu ermutigen, in denen individuelle Bürgerrechte und wirtschaftliche Rechte respektiert und gefördert werden, und (4) die Entwicklungsländer in ein offenes und gerechtes internationales Wirtschaftssystem zu integrieren.“ Diese Ziele spiegeln sehr stark auch meine eigenen Überzeugungen und Prioritäten wider. Ich fühlte mich auch ermutigt, als ich vom Start einer Kommission über Welthunger hörte, die von Mr. Sol Linowitz geleitet wird. Und zusammen mit 13 Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung Berlin anderen begrüße ich sehr das persönliche Engagement von Präsident Carter in diesen Fragen. Die Welt braucht einmal mehr entschlossene Vereinigte Staaten von Amerika. Ich möchte meine Überzeugung und meinen Appell wiederholen: Ich bin mir sicher, dass Amerika – und die Amerikaner – sich den neuen Initiativen für ein Klima der Hoffnung in der Welt erneut anschließen werden und zunehmend anschließen wollen, wie sie es so oft in der Vergangenheit getan haben

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