Flucht„Es gehen die Jungen, Ehrgeizigen, Kreativen“

Eine Spurensuche zwischen Flucht und Rückkehr: Die ostafrikanische Anwältin Winnie Adukule zeigt in ihrem Buch „Flucht: Was Afrikaner außer Landes treibt“ die Sichtweisen von Fluchtwilligen, Heimkehrern, aber auch internationalen Entwicklungshelfern und staatlichen Funktionären.

Von Birgit Morgenrath

Auf der Flucht vor Hunger Krieg und Verfolgung suchen viele Flüchtlinge das Glück in Europa.  (dpa / picture alliance / Nicolas Armer)

Auf der Flucht vor Hunger Krieg und Verfolgung suchen viele Flüchtlinge das Glück in Europa. (dpa / picture alliance / Nicolas Armer)
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Gleich eingangs sei gesagt: Winnie Adukules Buch ist ein sehr lesenswerter Beitrag zur Flüchtlingsdebatte. Ausnahmsweise aus einem Land des Südens und geschrieben von einer Afrikanerin, die sich selbst zu der Minderheit zählt, die „an eine Zukunft des Kontinents glaubt“.

Die 39-jährige Uganderin weiß, wovon sie schreibt. Sie hat mit acht Jahren den Bürgerkrieg in ihrem Land erlebt: Drei Monate lang im Haus ausharren, entsetzlichen Hunger leiden, permanenten Gefechtslärm hören, einen toten Mann vor dem Haus liegen sehen…

„Die Furcht verließ mich nie.“

So wie auch die Flüchtlinge aus dem Südsudan, Burundi und der Demokratischen Republik Kongo, die der Anwältin Adukule von den Gräueln der Bürgerkriege dort erzählen. Fluchtursachen also, von denen wir hier, in den sicheren Zonen der Welt, inzwischen gehört haben. Auch ein weiterer Fluchtgrund dürfte in den europäischen Aufnahmeländern bekannt sein. Junge Leute fliehen vor Armut und Aussichtslosigkeit bei sich zu Hause und glauben, ihr Glück in Europa oder in den USA zu finden.

„Sie denken: Ich will das auch haben“

Da ist etwa Cedric Batende, ein junger Mann, dessen Eltern im Kongo ermordet wurden. Er möchte in Deutschland als Farmer arbeiten. Als Adukule ihn vor den Schwierigkeiten warnt, antwortet er: „Es ist mein Leben. Du hast Arbeit, ein Einkommen und eine Familie – ich nicht. Du hast eine Schule besucht und anschließend studiert – ich nicht. Du warst im Ausland und hast dich dort umgeschaut – ich nicht. Ihr könnt mir viel erzählen, was gut und was schlecht für uns ist. Ich will diese Erfahrung selbst machen.“

Auch wenn die Erwartungen meist falsch sind, weiß Winnie Adukule: „Also die Leute, die hier sind, schicken schöne Bilder und sagen: Unser Leben ist wunderschön. Sie denken: Oh, ich will das auch haben.“ Darum fordert Adukule bessere Aufklärung in den Ausreiseländern zum Beispiel über Arbeitslosigkeit und die hohen Hindernisse, ehe man in Europa als Flüchtling anerkannt wird. Wichtig seien aber auch Hilfen für Rückkehrwillige in den Zielländern. Denn: „Nicht alle sind glücklich. Man beschämt sich, man kann das nicht sagen.“

Viele junge Männer empfänden große Scham, als gleichsam Gescheiterte in ihre Familien zurückzukehren. „Man kann sagen: Wenn Ihr zurück wollt, gibt es vielleicht ein Package. Something to start you life with, okay ich gebe dir 500 Euro, du kannst zurück und was weiter mit deinem Leben machen. Vielleicht wollen sie dann wieder zurück.“

Eine solche Chance nehme den Rückkehrern die Furcht vor der Endgültigkeit ihrer Entscheidung. Beachtenswert sei eine Lösung wie etwa in Australien, so Adukule. Abgeschobene können dort nach einer Einreisesperre von drei Jahren erneut ein Visum beantragen.

Problem: Nehmermentalität

Erfreulicherweise benennt Adukule klar und deutlich die „hausgemachten“ Probleme in afrikanischen Ländern, die ihre Bürger außer Landes treiben: Korruption, Misswirtschaft, fehlende Rechtssicherheit und mangelnde Kreativität vieler Menschen.

Der erfolgreiche Geschäftsmann Isaac Senyonga, ein Rückkehrer, der auch in China gearbeitet hat, beschreibt das so: „Hat der Chinese einen Samen, wirft er ihn in die Erde und sagt: In zwanzig Jahren habe ich einen Baum, der Schatten wirft. Was macht der Ugander? Der verkauft den Samen und kauft sich von dem Geld einen Sonnenschirm.“

Für diese Art fehlender Initiative machen Winnie Adukule und ihr Gesprächspartner auch die praktizierte Entwicklungshilfe aus dem Westen verantwortlich, die solche „Nehmermentalitäten“ geschaffen habe. Die Milliarden aus dem Ausland seien zudem in vielen Ländern in die Taschen der Eliten geflossen, die im Gegenzug für vermeintliche politische „Stabilität“ sorgten – ob in Scheindemokratien oder in vom Westen tolerierten Diktaturen. So könnten internationale Konzerne weiter ungestört die Rohstoffe dieser Länder ausbeuten.

Export statt Selbstversorgung

Adukule spricht von „Kolonialismus 2.0“. Mit Klaus Holderbaum, dem ehemaligen deutschen Botschafter in Uganda, ist sie sich einig, dass ein Großteil der Landwirtschaft des Landes auf Produkte, die nur dem Export und nicht der Selbstversorgung der Bauern und des Landes dienen, spezialisiert sei, wie Tee Baumwolle, den Nilbarsch und Kaffee. Ohne Weiterverarbeitung an Ort und Stelle.

Klaus Holderbaum: „Deutsche Firmen, die Hauptabnehmer, wollen nun mal das Endprodukt selber herstellen.“ Statt subventionierter Lebensmittel aus der EU wünscht sich die Uganderin mehr produktive Investitionen in den Ländern des Südens, wie sie auch Isaac Senyonga zitiert: „Ich höre immer von Politikern aus Europa, man müsse die Fluchtursachen vor Ort bekämpfen. Ich höre aber nicht, wie das geschehen soll. Ich sage: Wenn sie hier Fabriken bauen würden, gäbe es keinen Grund, in die reichen Länder auszuwandern.“

Ideen und Visionen

Winnie Adukule will Afrikaner von der Flucht abhalten und vom Bleiben überzeugen. Ihr Landsmann, Julius Kazungu, hat zwei Monate das Leben in Belgien „studiert“, wie er sagt, ist dann aber zurückgekehrt. „Es gehen doch die Jungen, Ehrgeizigen, Kreativen weg und mit ihnen die Zukunft des Landes. Ich sage: Wir müssen nicht die Reichen in Europa noch reicher machen, sondern an uns, an unser Land denken. Ich habe Ideen und Visionen, die zu verfolgen mir Spaß machen.“ Und Kazungu, der im Augenblick als Sporttrainer arbeitet, nennt gleich ein Beispiel: Er möchte – mit Unterstützung ausländischer Kapitalgeber – eine Straßenbahn in der ugandischen Hauptstadt Kampala bauen.

Winnie Adukule diskutiert engagiert und meinungsstark mir ihren Gesprächspartnern. Dabei ergeben sich vielfältige Gesichtspunkte zu wirtschaftlichen und politischen Ursachen, die zur Flucht treiben sowie Fragen und Argumente, was dagegen zu tun sei. Das Resultat ist ein anschaulich geschriebener und mit vielen Fotos allgemein verständlich gestalteter Beitrag, der die aktuelle Debatte bereichert.

Bemerkenswert sind nicht zuletzt Adukules Berichte über Besuche in ugandischen Flüchtlingssiedlungen, wo Menschen aus den krisengeschüttelten Nachbarländern oft jahrelang von einem geschenkten Stück Land einigermaßen überleben können und wo Flüchtlingsräte sogar von Staats wegen organisiert werden.

Und ganz selbstverständlich sagt Fred Kiwanuka, Verwaltungs-Chef einer solchen Siedlung mit 26 000 Flüchtlingen, den für europäische Ohren erstaunlichen Satz: „Abschiebung kennen wir nicht. Das verstößt auch gegen internationales Recht.“

Winnie Adukule: Flucht: Was Afrikaner außer Landes treibt
Das Neue Berlin 2016
240 Seiten, 14,99 Euro, auch als

http://www.deutschlandfunk.de/flucht-es-gehen-die-jungen-ehrgeizigen-kreativen.1310.de.html?dram:article_id=363746

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