Sparen und Konsumverzicht

Virulente Deflationsängste in Japan

KOMMENTARvon Werner Enz27.8.2016, 08:00 Uhr
Im Juli sind die japanischen Konsumentenpreise im fünften Monat in Folge gesunken. Das 2-Prozent-Inflationsziel der Bank of Japan wirkt unglaubwürdig.

Im Juli sind die Konsumentenpreise im fünften Monat in Folge gesunken, und zwar um 0,5 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat.

Stagnierende Wirtschaft, fallende Preise und weitere Konjunkturprogramme auf Kredit – ungefähr so lässt sich die jetzige geld- und finanzpolitische Lage Japans auf den Punkt bringen. Das alternde Land kommt nicht richtig vom Fleck, was ja auch erklärt, warum Ministerpräsident Shinzo Abe im unmittelbaren Umfeld der von ihm gewonnenen Oberhauswahlen im Frühsommer ein Stimulierungspaket lanciert hatte. Mit umgerechnet 260 Milliarden Franken – das entspricht etwa 5 Prozent der Wirtschaftsleistung – sah das zwar imposant aus, doch steckten in dieser Packung bereits genehmigte Kredite oder auch laufende Ausgaben. Es ging darum, politische Tatkraft zu markieren.

Im Juli sind die Konsumentenpreise nun aber im fünften Monat in Folge gesunken, und zwar um 0,5 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Offensichtlich ist es der Bank of Japan (BoJ) noch nicht gelungen, die Deflation zu besiegen. Es sieht eher danach aus, dass sie diesen Kampf verlieren könnte. Würden nicht nur frische Nahrungsmittel, sondern auch die Energieträger aus dem Warenkorb entfernt, betrage die Juli-Teuerung 0,5 Prozent, nach 0,7 Prozent im Monat zuvor, schreibt die Notenbank beschwichtigend. Wie dem auch sei: Mit dem Beharren auf einem Inflationsziel von 2 Prozent hat sich die BoJ unnötigerweise ein Glaubwürdigkeitsproblem eingehandelt. Was wohl wird BoJ-Gouverneur Haruhiko Kuroda nach der massiven Ausweitung der Ankäufe von Staatsanleihen, dem Kauf inländischer Aktien und der Einführung von Negativzinsen noch aus dem Hut zaubern? Sollen womöglich die Negativzinsen verschärft werden?

Die Einführung der Negativzinsen Ende Januar scheint in Japan in zweierlei Hinsicht kontraproduktive Wirkungen zu entfalten. Zum Ersten ist der Yen nicht weiter geschwächt worden, sondern er hat zum Dollar dieses Jahr 20 Prozent an Wert gewonnen. Über die Importe ist daher der deflationäre Druck grösser, nicht kleiner geworden. Zum Zweiten hat Kurodas Entscheid nicht nur die inländischen Kommerzbanken geschwächt, sondern auch die japanischen Konsumenten alarmiert. Wenn die BoJ so hart durchgreifen müsse, so deren Überlegung, laufe die Wirtschaft nicht rund. In unsicheren Zeiten wird mehr Geld auf die hohe Kante gelegt, was erklärt, warum der private Konsum dieses Jahr sich nicht belebt hat. Die Japaner wissen, dass ihre Renten- und Krankenkassensysteme stark defizitär sind. Staatliche Versprechen werden nicht für bare Münze genommen. Solange dort nicht Remedur geschaffen wird, fehlt es an Vertrauen. Eine über die Jahre schwächer gewordene Volkspension wird laufend durch private Ersparnisse aufgebessert. Just am Freitag meldete der staatliche Rentenfonds wegen fallender Aktienkurse einen Halbjahresverlust von 50 Milliarden Dollar.

Ist es wirklich vertrauenerweckend, wenn sich die Verzinsung für sich immer höher türmende japanische Staatsschulden infolge der BoJ-Aufkäufe in nichts auflöst? Als Abe antrat, warf eine 10-jährige Staatsobligation 0,6 Prozent ab, jetzt sind es minus 0,1 Prozent. Auch aus dieser Warte betrachtet, fragt sich, ob die BoJ nicht mit Vorteil bald von ihrem 2-Prozent-Inflationsziel abrücken würde.

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