Wie kommt das russische Orchester  nach Treffurt und Wanfried?

Eine Bürgerpartnerschaft macht es möglich

Ende der 80er, Anfang der 90er Jahr war ich Lokaljournalist beim Bad Orber Anzeiger. In der Stadt versuchten einige die Geschichte des russischen Kriegsgräberfriedhofs Wegscheide bei Bad Orb zum Thema zu machen. Dort liegen 1430 russische Kriegsgefangene, ohne Namen auf dem gemeinsamen Gedenkstein. Das Thema war tabu in der Stadt. Wir unterstützten mit der Zeitung, dass die Wahrheit über dieses Lager und die unmenschliche Behandlung der russischen Kriegsgefangenen ans Licht kam. Aber wir wollten die Diskussion vor allem auch dahin lenken: Was können wir tun, damit so etwas nie wieder passiert.
Dazu ergab sich dann bald eine Gelegenheit: In Russland brachte Gorbatschow den großen Umschwung weg vom diktatorischen System und zu anderen internationalen Beziehungen. In diesem Zusammenhang kamen aus Russland Journalisten in die IG Metall Bildungsstätte Bad Orb. Das war kurz nach dem Ende des Kalten Krieges noch etwas Sensationelles. Und einer der Journalisten überbrachte uns eine Botschaft von Gorbatschow: Es reicht für den Aufbau neuer Beziehungen nicht, wenn er sich mit Kohl trifft. Die Bürger Deutschlands und Russlands müssten sich kennenlernen. Ich bat ihn daraufhin, eine Partnerstadt in Russland zu suchen, um eine Partnerschaft mit Bad Orb aufzubauen.
Wenige Wochen später schrieb der Journalist, in Istra, 50 Kilometer westlich von Moskau gäbe es eine Gruppe, die sich so eine Partnerschaft wünschte. Das Besondere: Istra war im Angriffskrieg Deutschlands auf Russland von den Deutschen erobert worden. Von dort hatten sie Moskau beschossen, dort wurden sie zurückgeschlagen. In diesen Kämpfen war die Stadt fast völlig zerstört worden.
 Wir  machten die Möglichkeit einer Partnerschaft  in der Zeitung bekannt und riefen auf, dafür einen Verein zu bilden. Vor allem Bürger aus der Kriegsgeneration zeigten  großes Interesse. Und so bildeten wir vor 25 Jahren die Freundschaftsinitiative Istra, und in Istra bildete sich die als Schwesterorganisation die Freundschaftsinitiative Bad Orb (Homepage der Freundschaftsinitiative Istra: http://www.istra-initiative.de/).
Die beiden Vereine organisierten in den vergangenen 25 Jahren einen vielfältigen Austausch von Menschen ihrer beiden Regionen: Schulen, Feuerwehren, Musikgruppen, selbst Polizisten und auch Politiker reisten aus dem Main-Kinzig-Kreis nach Istra und von der Region Istra in den Main-Kinzig-Kreis. Zumeist schliefen die Gäste in den Familien:  Viele Freundschaften entwickelten sich.  Plötzlich war der Russe nicht mehr zuerst Russe oder „Kommunist“, hatte nicht mehr das Bild, das uns von der Politik und den Medien gezeichnet wurde,  sondern war Mensch, war Dimar oder Valentin und der Deutsche nicht mehr zuerst Deutscher oder „Faschist“, sondern Karl-Heinz oder Günther.  Ein Gast kam einmal zu Besuch aus Russland, der sehr traurig wurde, weil er in Russland
in Raketenstellungen eingesetzt war, von denen er Deutschland hätte beschießen müssen, wenn es zum Krieg gekommen wäre; und jetzt erlebte er die Menschen, die er hätte vernichten müssen.
Wie  zwischen Istra und Bad Orb sind einige Partnerschaften zwischen Städten und Regionen in Deutschland und Russland entstanden. Menschen taten das, die aus den Kriegserfahrungen  ihrer Eltern und Großeltern  als Lehre gezogen hatten, was uns auch Friedensnobelpreisträger Willy Brandt immer wieder erklärt hat: Internationale Beziehungen sind zu wichtig als sie allein den Politikern zu überlassen: Ihre Entwicklung entscheiden über unsere persönliche Sicherheit, ja häufig auch über Leben und Tod.
Allerdings erwiesen und erweisen sich  diese Partnerschaftsbeziehungen bisher als nicht stark genug, den neuerlichen Rückfall in die Konfrontation zu verhindern.  Es sollten noch viel mehr Menschen anpacken und sich denen gemeinsam widersetzen, die das wieder zerstören wollen, was Initiativen wie diese in mühsamem, aber auch sehr schönem und freudebringenden Engagement nach 1989 erreicht haben. In den nächsten Tagen gibt es dazu Gelegenheit beim Besuch der Musiker aus Istra diese Verbindungen zu stärken und der Zerstörung des erreichten Vertrauens zwischen Deutschen und Russen entgegenzuwirken. Vielleicht kann daraus auch in unserer Region etwas Dauerhaftes entstehen. Vielleicht wird der Besuch auch in anderen Regionen sich selbst zu engagieren, die Menschen der verschiedenen Länder zusammenzubringen und so von unten selbst eine solidarische, gerechte und friedliche Welt aufzubauen.
Bilder vom ersten Besuch der Freundschaftsinitiative aus Bad Orb in Istra: Deutsche und Russen essen, trinken, tanzen zusammen und lernen sich kennen. Die Gruppe war mit dem Bus 28 Stunden in die 2000 Kilometer entfernte Stadt bei Moskau gefahren.
Deutsche und Russen der beiden Freundschaftsinitiativen beim Besuch in Istra bei Moskau nach dem Ende des Kalten Krieges
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