Richard Seymour: „Jeremy Corbyn“
Das Erfolgsrezept des ungewöhnlichen Politikers

Großbritannien erlebt die Wiedergeburt radikaler Politik. Auf befremdliche Art und Weise, wie der marxistische Autor Richard Seymour findet. Er widmet sein Buch Jeremy Corbyn. Doch ist es keine Biographie, vielmehr ein Blick auf die politischen und sozialen Verhältnisse, die den Politiker an die Spitze der sozialdemokratischen Partei Labour brachten.

Jeremy Corbyn, seit September letzten Jahres ist er Parteivorsitzender der britischen Labour-Party. (dpa/ picture alliance/ WIll Oliver)

Jeremy Corbyn, seit September letzten Jahres ist er Parteivorsitzender der britischen Labour-Party. (dpa/ picture alliance/ WIll Oliver)

Labour-Chef Jeremy Corbyn Kein Freund, aber auch kein Feind des Brexits

Mit der sozialdemokratischen Partei Labour kann der marxistische Autor Richard Seymour wenig anfangen, aber der 66-jährige Jeremy Corbyn als neuer Parteichef von Labour ist ihm ein ganzes Buch wert. Ein sozialistischer Politiker an der Spitze der britischen Labour Partei, das war eine echte Überraschung für den Publizisten Richard Seymour. Der Wechsel stehe für den Wandel der politischen Kultur im Zusammenhang mit neuen Medien und somit neuen Machtmechanismen. Taktisch gesehen beruhe Corbyns Erfolg auf dem Rückhalt durch die Gewerkschaften und der Glaubwürdigkeit seiner Positionen vor allem aus Sicht junger Wähler. Diese erreicht er direkt über die neuen Medien und elektronischen Netzwerke.
Strategisch sieht Seymour Corbyns Wahl zum Vorsitzenden von Labour als Fanal – Corbyn sei die Rechnung für die unsoziale Politik von Tony Blair und New Labour. Diese Entwicklung wiederum sieht Seymour in einem europäischen Kontext:

„Ein Hauptangriffsziel des Neoliberalismus in Europa waren die klassischen sozialdemokratischen Parteien. Fast im gleichen Maß, wenn auch in unterschiedlichem Tempo und zu verschiedenen Graden, fanden letztere sich überwältigt von den Transformationen der globalen Wirtschaft und zugleich vom Widerstand der Unternehmer gegen ihre Versuche, den Status quo zu bewahren. Als die Prioritäten der Nationalstaaten sich änderten – von der Vollbeschäftigung als Grundlage für den alten Klassenkompromiss hin zu ausgeglichenen Haushalten und Inflationsbekämpfung, die als Grundlage für die Investitionsbereitschaft der Unternehmer gelten, da gab die Sozialdemokratie jene politischen Mittel preis, die sie eigentlich ausmachten.“

Ein politisch engagierter Kämpfer

Jeremy Corbyn gab die Mittel nicht preis. Seymour beschreibt ihn als engagierten Kämpfer, der als linker Gewerkschaftsfunktionär anfängt, 1974 in die Stadtpolitik von London geht und seit 1983 für Labour im Unterhaus sitzt. Politisch ist Corbyn an vielen Fronten aktiv: Gegen die Apartheid in Südafrika und für die Gewerkschaften in England, gegen die Modelle der Public-Privat-Partnership und für die Abschaffung der Studiengebühren. Kurz – er führt seit Jahrzehnten den Kampf gegen das neoliberale Mainstreaming von New Labour bis in die Tage von Gordon Brown. Seymour fasst zusammen:

„Es bedeutet einen Kampf gegen den Neoliberalismus an verschiedenen Fronten: die Abkehr von der Privatisierung, die Verteidigung öffentlicher Ausgaben, die Unterstützung von Wohlfahrt und die Rücknahme lokaler Dienstleistungen in die öffentliche Hand. Es geht um die Umkehr der bekannten nationalistischen Außenpolitik von Labour und die Abkehr von der atomaren Bewaffnung.“

Seymours Buch ist keine Biographie

New Labour ist ganz offensichtlich der Feind, nicht nur von Corbyn, sondern auch von Seymour, der hier einen sauberen Abriss der neoliberalen Hegemoniepolitik liefert. New Labour unter Tony Blair sei noch entschiedener und rabiater gewesen als die Konservativen unter Margaret Thatcher. Informativ und kohärent dargestellt, ist dies erkennbar, ein dem Autor geläufiges Gebiet, wogegen die Recherche zur politischen Biographie Jeremy Corbyns etwas schwach ausfällt.  Aber das Buch heißt ja auch nicht Jeremy Corbyn, Eine Biographie, sondern „Corbyn – Die befremdliche Wiedergeburt radikaler Politik“. Es liefert vor allem die Darstellung der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse, die Corbyns Erfolg möglich machten. Die Dramatik dieser Verhältnisse mit hoher Arbeitslosigkeit, einer Jugend ohne Perspektive und der Übermacht des Finanzsektors in einer Zeit der verschärften Krise arbeitet Seymour gründlich heraus; ebenso Corbyns Taktik, Unterstützer außerhalb der Partei zu rekrutieren, indem er sich an die enttäuschte und die jüngere Wählerschaft richtete.

Keiner seiner Rivalen konnte sich mit ihm messen

„Corbyns Angebot war in diesem Kontext einfach und einzigartig. Indem sie der Labour Partei beitraten oder sich als Unterstützer registrieren ließen, konnten sie die Notwendigkeit der Gründung einer alternativen Partei umgehen. Stattdessen konnten sie die Führung in einer existierenden Massenpartei übernehmen inklusive Rückendeckung durch die Gewerkschaften, Geld und der Aussicht auf einen Wahlerfolg, mit dem sich keiner seiner Rivalen messen konnte.“

In der Tat sind Zehntausende in die Labour Partei eingetreten und haben Corbyn eine Mehrheit von 60 Prozent verschafft. Die Abgeordneten von Labour dagegen lehnen Corbyn in ihrer Mehrheit ab, selbst sein Schattenkabinett ist zurückgetreten. Corbyn aber bleibt. Was er konkret bei Labour erreichen könne, sei kaum die Wende zu einer radikalen linken Partei, nicht einmal die Durchsetzung einer linken Agenda, weiß auch Seymour. Langfristig aber beginne mit Corbyn die ideologische Rückeroberung des politischen Raumes durch die Linke. Mit Blick auf die Parlamentswahlen im Jahr 2020 ist er dann wieder weniger optimistisch. Die britischen Rezensenten seines Buches teilen diese Einschätzung, aus verschiedenen Gründen:

„Corbyn wird kaum jemals eine sympathisierende oder schlicht faire Medienberichterstattung haben, weil die BBC, die anderen Rundfunkanstalten, die Presse und die breiteren kommunikativen Strukturen der Gesellschaft kein politisch  neutrales Territorium sind, sondern Netzwerke der Macht um Partikularinteressen herum, und diese Interessen sind fundamental gegen jedes Projekt politischer Transformation.“

„Eine tastende Orientierung neuer linker Politik in England“

Das ist ein Zitat aus der Rezension von Tom Mills im Ceasefiremagazine. Es gibt  den Tenor der anderen Besprechungen wieder, die sich überwiegend in den linken Gazetten Großbritanniens finden. Richard Seymours spannend zu lesendes Buch ist nicht nur ein Abgesang auf New Labour, sondern zugleich eine tastende Orientierung neuer linker Politik in England.

Richard Seymour: „Corbyn. The Strange Rebirth of Radical Politics“
Verso, 256 Seiten, 13,99 Euro.

http://www.deutschlandfunk.de/richard-seymour-jeremy-corbyn-das-erfolgsrezept-des.1310.de.html?dram:article_id=366257

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